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Verzicht aus Achtung vor dem Leben? Dafür gibt es große Vorbilder im ganz alltäglichen Leben.

*Namen und einige Informationen zum Umfeld sind geändert, um die realen Personen zu schützen.

Annemarie* hat auf Vieles im Leben verzichtet, aber nie die Freude am Leben verloren. Verzichten muss ich auch gerade auf einiges. Und das macht sie gerade jetzt zu einem Vorbild für mich. Viele haben sie bewundert, obwohl sie ein ganz einfaches Leben geführt hat. Oder gerade deshalb.

Jesus sagt einmal: „Seid darauf gefasst: Es gibt solche, die jetzt noch zu den Letzten zählen; die werden dann die Ersten sein.“

Annemarie kam tatsächlich 1939 als sechstes und letztes Kind ihrer Eltern zur Welt. Der Vater verdiente nicht viel, die Mutter arbeitete auf dem Acker und im Garten und versorgte die Familie so gut es ging. Annemaries Vater starb an den Folgen seines Kriegseinsatzes und spätestens da war es klar, dass für das intelligente, junge Mädchen keine Berufsausbildung in Frage kam. Sie ging in die Schweiz, doch als die Mutter schwer krank wurde, war sie wieder da. Und blieb. Und pflegte ihre Mutter, versorgte sie. Die anderen Geschwister waren weit fort vom Dorf, waren verheiratet und mit so ganz anderen Dingen beschäftigt und so hat Annemarie nicht nur zugunsten ihrer Mutter auf manches verzichtet, sondern auch für ihre Geschwister.

Sie war selbstbewusst, sah gut aus, konnte außerdem anpacken. In der Fabrik, in der sie Arbeit fand, war sie unter all den Männern die einzige Frau, die im Akkord die Maschinen bedienen konnte. Und natürlich gab es Männer, die sich für die eigenwillige, starke Frau interessierten. Und natürlich verliebte sie sich auch. Doch für sie war klar: „Nicht ohne meine Mutter!“

In der Fabrik hätte sie aufsteigen können. Doch das Angebot kam in einer Zeit, in der die Krankheit ihrer Mutter sich durch einen Schub dramatisch verschlimmerte. Sie verzichtete auf die besser bezahlte und körperlich weniger anstrengende Stelle.

Annemarie konnte über viele Jahre nicht frei über ihre Zeit verfügen. Sie hat bewusst für ihre alternde und schwache Mutter das Leben so lebenswert wie möglich gestaltet. Am Geburtstag und an Weihnachten lud sie im Namen ihrer Mutter alle ein und gestaltete alles so wie die es wünschte. Im Garten um das Haus setzte sie fort, was ihre Mutter begonnen hatte. Sie selbst pachtete sich ein kleines Grundstück, zu dem sie radelte, um dort das anzupflanzen, was ihr gefiel. Sie hatte ihre Freundinnen und ihre Hobbys. Es war kein bitterer, sondern ein selbstbewusster Verzicht aus Achtung vor dem Leben. Jahrzehnte hat sie ihre Mutter gepflegt, das Leben mit ihr geteilt und ihr die Würde bewahrt.

„Es gibt solche, die jetzt noch zu den Letzten zählen; die werden dann die Ersten sein.“ – Für mich jedenfalls ist Annemarie gerade jetzt ein Vorbild geworden für selbstbewussten Verzicht aus Achtung vor dem Leben.

Dieser Text wurde am 16. Mai 2020 auf SWR1 (Anstöße) und auf SWR4 (Morgengedanken) gesendet. Verwendung – auch in Auszügen – nur nach vorheriger Freigabe durch den Autor (c) David Andreas Roth

„Warum“ schaut nach hinten, „Wozu“ nach vorn. Das „Wozu“ ist wichtiger, auch wenn beides wichtig ist

Als ich ganz unten war, am Boden zerstört und von Gott verlassen, da hat es mir geholfen, dass Jesus am Kreuz geschrien hat: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Ich habe gespürt, dass Jesus, Gottes Sohn, an meiner Seite ist, wenn ich nur noch diese eine Frage habe: „Warum sehe ich nicht, dass Gott irgendetwas tut?“

Ich brauche ihn doch, wenn alle gegen mich sind. Ich brauche ein Wunder, wenn andere oder ich selbst todkrank werden. Ich brauche Gottes Antwort, ein Zeichen, etwas Eindeutiges, wenn meine Sorgen überhandnehmen.

Aber „Warum“ ist ein schwieriges Wort. Es hat die Macht, mich in die Vergangenheit schauen zu lassen: Warum habe ich nicht früher gesagt, dass ich das nicht will? Warum habe ich mich nicht gesünder ernährt und auf das Rauchen verzichtet? Warum hat der, der mein Freund sein sollte, mir das angetan?

Manchmal hilft die Frage, weil ich eine Antwort finden kann: Ich bin in diese Situation gekommen, weil ich viel zu schnell Erfolg wollte. Ich habe Streit bekommen, weil ich dem anderen meine Meinung aufzwingen wollte. Ich bin krank geworden, weil ich zu wenig auf meinen Körper geachtet habe. Mit solchen Antworten kann ich versuchen, es das nächste Mal besser zu machen.

Oft gibt es aber keine Antworten. Und die Frage nach dem „Warum“ geht ins Leere. Ein Sprachwissenschaftler hat mir einmal erklärt, dass Jesus am Kreuz gar nicht mit diesem Blick nach hinten gefragt hat. Vielmehr habe er die Frage in die Zukunft gewendet, so müsse man übersetzen: „Mein Gott, zu was hast du mich verlassen?“ Zu was: also wozu. Das ist die Frage nach dem Sinn. Das ist die Frage, wie etwas Gutes aus dem Bösen entstehen könnte.

Seitdem ich das gehört habe, frage ich immer noch: „Warum?“. Aber wenn ich zu keinen Antworten komme, ändere ich die Frage und frage: „Wozu?“.

Wozu kann es gut sein, dass ich diese schweren Zeiten durchgemacht habe? – Und ich spüre, dass ich anderen in ähnlichen Situationen Mut machen kann: Die Welt wackelt, aber sie bricht nicht zusammen.

Wozu kann es helfen, wenn ich im Streit bin mit diesem Menschen? – Und ich merke, dass es niemandem hilft und fange an, darüber nachzudenken, wie ich vergeben kann.

Zu was kann es gut sein, dass ich so krank bin? Vielleicht ja, weil Krankheitszeiten besondere Begegnungszeiten mit Gott und dem ewigen Leben sind?

Das „Wozu“ hilft mir. Nicht immer, aber immer wieder.

Dieser Beitrag wurde am 25. September 2019 als SWR4-Abendgedanke gesendet. Veröffentlichung, auch in Auszügen, nur nach vorheriger Freigabe durch den Autor (c) David Andreas Roth.

Schule hat begonnen – wie man Kinder segnen kann

„Da, wo andere ihren Kopf haben, da habe ich nur Kopfsalat!“ – Tom ist Schüler, 15 Jahre alt und nicht zufrieden mit sich. Er ist nicht begeistert davon, dass für ihn jetzt wieder die Schule losgegangen ist.

Seit zwei Wochen heißt es wieder früh aufstehen, andere Menschen treffen, und, ja, auch etwas lernen. Es heißt auch streiten, spielen, Sport machen, sich freuen, sich verlieben vielleicht, sich aufregen, ein bisschen Angst haben, Niederlagen einstecken und wunderbare Erfolge feiern. Schule eben. Die ist eigentlich doch zum Lernen da. Aber manchmal ist so vieles mindestens genauso wichtig, wenn man 15 ist oder 16.

„Da, wo andere ihren Kopf haben, da habe ich nur Kopfsalat!“ Ich habe gemerkt, dass ich das schon fast vergessen hatte. Ich hatte in der Schule auch solche Phasen. Manchmal waren das sogar lange Phasen.

Aber kann man da was machen? So viele Eltern, Großeltern und andere, die das Leben von jungen Menschen begleiten in Schule und Ausbildung, würden manchmal gern etwas tun. Doch in die Schule gehen die Jungen ja selbst und in der Regel allein. Und mit schimpfen und Druck erreicht man wenig.

„Da hilft nur noch Beten!“ – finde ich manchmal. Aber wie soll ich beten? Vielleicht ja so, dass man den anderen mit guten Gedanken umgibt. Das kann ein Segen werden.

Gott segne deinen Kopf.

Gott segne dich mit Verstand, um zu verstehen. Er schenke dir ausreichend Schlaf und Wachheit im richtigen Moment, damit du merkst. Gott lasse dich lernen wie du dir merkst, was du merkst. Gott segne deinen Kopf.

Gott segne deinen Kopfsalat,

wenn alles durcheinander geht. Wenn du viel zu müde, viel zu blöd, viel zu verspielt oder viel zu verliebt bist, um zu lernen: Gott schenke dir Menschen, die dich nicht beurteilen und schon gar nicht nach deinen Noten. Gott segne deinen Kopfsalat.

Gott segne dein Herz.

Mitten drin in all dem Verstehen und Wissen soll dir ein weites Herz wachsen. Gott schenke dir, dass du selbst wirst wie ein Kopfsalat. Der hat das Herz – mitten im Kopf.

Und indem ich so bete, merke ich: Das wünsche ich mir auch. So oft wird von „lebenslangem Lernen“ geredet. Ich lerne lebenslang und bitte deshalb: Gott segne meinen Kopf. Meinen Kopfsalat. Mein Herz. Gott schenke Ihnen, mir und allen, die lernen, dass wir selbst werden wie ein Kopfsalat. Der hat das Herz – mitten im Kopf.

Dieser Beitrag wurde am 24. September 2019 als SWR4-Abendgedanke gesendet. Etwas verändert wurde das Thema von mir bereits als Zeitungsandacht aufbereitet. Veröffentlichung, auch in Auszügen nur nach vorheriger Freigabe durch den Autor (c) David Andreas Roth.

Großeltern sind wie Eltern – nur mit Goldrand. Ein Beitrag in den SWR4 Abendgedanken

Ein schwarzhaariges Mädchen klettert auf dem Freigelände der Bundesgartenschau die Kletterwand hoch. Die Kleine ist etwa 7 Jahre alt. Gesichert mit einem Seil macht sie die ersten mutigen Griffe, zieht sich nach oben, sichert, greift neu – und ist schon etwa 4 Meter weit oben. Unten stehen zwei Fans von ihr, die ganz außer Rand und Band sind: „Anna, du machst das!“ – „Nach oben, Anna!“ – „Vorwärts, Anna!“ – ganz offensichtlich die Großeltern von Anna.

Ich finde: Diese Großeltern leben ganz offensichtlich das, was Jesus gemeint hat. Er hat einmal ein Kind in die Mitte seiner Freunde gestellt. „Den Kindern gehört schon jetzt der Himmel, die neue Welt Gottes.“ Zu Unrecht würden die Kleinen nicht ernst genommen, sagt Jesus. Und: „Wer so ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“

Das haben diese Großeltern gemacht. Sie haben ihre Anna offensichtlich lieb. Und sie nehmen sie ernst. Sie unterstützen sie auf ihrem Weg in den Himmel hinauf, ganz nach oben; ganz real: Sie hat es geschafft, strahlt aus gut 10 Meter Höhe auf ihre Großeltern und lässt sich dann am Seil wieder heruntergleiten.

Irgendjemand hat mal gesagt: Großeltern sind wie Eltern, nur mit Goldrand.

Ich glaube da ist was dran. Manche Großeltern sind wie diese. Sie gestalten vor allem die besonderen Momente mit den Enkeln. Ein Ausflug, eine kleine Reise, ein besonderer Tag im Zoo, auf dem Spielplatz oder im Freizeitpark. Sie müssen die Kinder nicht im Alltag erziehen und das verleiht den Tagen mit ihnen diesen Goldrand.

Andere Großeltern nehmen die Enkelkinder auch bei sich daheim auf, die Kleinen sind mit großer Regelmäßigkeit bei ihnen Manchmal ist die Lebenssituation eben so ist wie sie ist. Manchmal geschieht das wirklich „in Gottes Namen“, auch wenn die eigenen Kräfte nicht mehr so groß sind. Großeltern haben diesen Goldrand der Freiwilligkeit und nicht selten auch der Opferbereitschaft.

Doch Großeltern müssen nicht immer etwas tun und etwas unternehmen, sie müssen nicht Geld haben oder lustig sein oder ständig ein offenes Haus für die Enkel haben. Bei Vielen geht das ja gar nicht. Der Goldrand der Großeltern besteht ganz einfach aus Liebe: Ein Gruß, ein Kuss, ein Gebet und ein guter Gedanke. Die Kinder und Heranwachsenden spüren, wenn sie ernst genommen werden. Und wenn Liebe da ist. Dann sind die Großeltern wie Eltern, nur mit Goldrand.

Dieser Beitrag wurde am 23. September 2019 als SWR4 Abendgedanke gesendet. Veröffentlichung – auch in Auszügen – nur nach vorheriger Zustimmung durch den Autor (c) David Andreas Roth

Vorauseilender Gehorsam hat oft gute Gründe, ist aber Angst, kein Glaube.

„Mach das nicht, das gibt nur Ärger!“ – wie oft habe ich das schon gehört und meistens war es gut gemeint. Ganze Familien werden von solchen Sätzen bestimmt. „Mach das nicht, das gibt nur Ärger.“ In Firmen, in Vereinen und auch in der Kirche werden mit „vorauseilenden Gehorsam“ positive Entwicklungen verhindert: „Mach das nicht, das gibt wieder einen Aufschrei! Mach das nicht, da haben wir gleich die Öffentlichkeit gegen uns.“

Das ist kein neues Phänomen, ich glaube, das ist einfach menschlich. Die Berichte der Bibel sind schon zweitausend Jahre alt und auch in diesen Berichten gibt es Beispiele für vorauseilenden Gehorsam.

Eines Tages etwa ist Jesus mit seinen Freunden auf dem Weg nach Jerusalem. Er geht zu Fuß. Eine große Menschenmenge sammelt sich immer um ihn, wenn er unterwegs ist. Noch bevor er in einem Ort ankommt, sind schon viele, viele andere da, die vor ihm herlaufen, ihm sozusagen den Weg bahnen. Wenn Jesus selbst dann ankommt, sind viele Menschen direkt um ihn herum. Es geht nur langsam voran. Dabei muss Jesus doch rechtzeitig zu einem großen Fest in Jerusalem ankommen! Immer wieder wird er aufgehalten. Auch ein blinder Bettler sitzt am Rand der Straße und ruft laut: „Jesus, hab Erbarmen! Hilf mir!“. Schon als die ersten Vorboten von Jesus bei diesem Bettler ankommen sitzt er da und schreit aus Leibeskräften.

„Mach das nicht, das gibt nur Ärger!“ sagen die zu ihm, die den Weg für Jesus frei machen wollen. Sie versuchen, ihn zum Schweigen zu bringen. Niemand weiß, ob es wirklich Ärger gibt. Aber man hat schon Situationen erlebt, in denen Jesus jemanden geheilt hat – und dann gab es große Diskussionen darum, ob er das zu diesem Zeitpunkt oder überhaupt durfte, ob er die Berechtigung dazu hatte! Es gibt ja immer Sittenwächter, die es ganz genau nehmen.

Die Angst wird zum Ratgeber! So eine Störung, wenn sie denn käme, kann man einfach nicht brauchen. Nicht jetzt. Jesus soll doch ankommen.

Der Blinde schreit aber weiter. Er lässt sich nicht bremsen: „Jesus, hab Erbarmen mit mir! Hilf mir!“ – und natürlich hört Jesus seine Rufe, als er selbst in seine Nähe kommt. Die ersten Boten müssen nun das Schlimmste befürchtet haben, denn Jesus lässt den Blinden zu sich bringen. Er unterhält sich mit ihm und er heilt ihn und – das war’s.

Der vorauseilende Gehorsam war voreiliger Gehorsam. Am Ende steht ein Wunder, der befürchtete Ärger bleibt aus.

Ob die Menschen, die gerne gehabt hätten, dass „das alles“ nicht passiert, etwas gelernt haben? „Mach das nicht, das gibt nur Ärger“ – das ist oft gut gemeint, aber selten wirklich gut. Die Frage ist nicht, ob es vielleicht Ärger geben könnte.

Vielleicht ist die Frage ja, was einen wirklich antreibt: Die Angst oder der Glaube.

Dieser Beitrag wurde am 15. Juni 2019 als Morgengedanke / Anstoß auf SWR1 /SWR 4 gesendet. Wiedergabe, auch in Auszügen nur mit Einverständnis des Autors (c) David Andreas Roth

Heute eine gute Tat! Das kann jedes Kind und das können die ganz Alten auch noch.

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Jeden Tag eine gute Tat! Was schon die kleinen Pfadfinder versprechen, das kann doch für Erwachsene nicht schwierig sein, oder? Ein Freund von mir sagt, die gute Tat sei schon dann getan, wenn er sich morgens seinen Kaffee macht. Und wissen Sie was? Recht hat er. Gute Taten können ja auch gute Taten für einen selbst sein.

Jeden Tag eine gute Tat! Das ist gar nicht so schwierig, das kann jedes Kind und das können die ganz Alten auch noch.

Ich tue mir selbst was Gutes. Zum Beispiel:  Ich stelle mich vor den Spiegel und ziehe solange Grimassen bis ich lachen muss. Ich bete zu Gott und beginne dabei jeden Satz mit „Danke“. Für jedes Jammern und Schimpfen lege ich mir heute 20 Cent zur Seite und am Nachmittag kaufe ich mir vom Jammergeld ein großes Eis. Ich mache einen Spaziergang und zähle die lächelnden Gesichter. Ich mache den Fernseher aus und male ein Bild. Ich lobe mich für alles, was ich richtig mache. Ich nehme mir Zeit für Musik, die mir gefällt und singe laut mit. Jeden Tag eine gute Tat! Das ist gar nicht so schwierig, das kann jedes Kind und das können die ganz Alten auch noch.

rollatorIch tue jemand anderem etwas Gutes. Ich rufe eine Bekannte an, die vor einiger Zeit einen lieben Menschen verloren hat. Ich sage ihr, dass ich sie beide nicht vergessen habe. Ich überlege mir jetzt schon ein Geburtstagsgeschenk für jemand, der erst in einem Monat Geburtstag hat. So früh bin ich sonst nie dran! Ich nehme mir vor, heute beim Autofahren ganz höflich zu sein. Ich bete für jemanden, dem ich nicht anders helfen kann. Ich frage das laute Kind der neuen Nachbarn endlich mal nach seinem Namen. Vielleicht ist es ja gar nicht so furchtbar. Ich lege einen Euro in den Hut des Bettlers. Jeden Tag eine gute Tat! Das ist gar nicht so schwierig, das kann jedes Kind und das können die ganz Alten auch noch.

IMG_3939.JPGIch tue etwas für die Allgemeinheit. Das Unkraut, das mich am Hauseingang schon so lange stört – ich mache es einfach selbst weg! Ich rufe bei der Stadtverwaltung an, weil ich festgestellt habe, dass eine Straßenlampe kaputt ist. Ich bete für einen Politiker, den ich mag. Ich spende Geld für eine Hilfsorganisation. Ich bete für einen Politiker, den ich nicht mag. Ich schneide alle guten Meldungen aus der Zeitung aus und lege sie nebeneinander auf den Esszimmertisch. So schlecht ist die Welt ja gar nicht!

Jeden Tag eine gute Tat! Das ist gar nicht so schwierig, das kann jedes Kind und das können die ganz Alten auch noch. In diesem Sinne wünsche ich noch eine gute Tat!

Dieser Beitrag wurde am 14. Juni 2019 als Morgengedanke / Morgengruß auf SWR1 und SWR4 gesendet. Verwendung, auch in Auszügen, nur nach vorheriger Freigabe durch den Autor (c) David Andreas Roth

Anstrengende Tage sind auch nur Zwischenetappen!

Manche Tage sind so voll, die müssten eigentlich wegen Überfüllung geschlossen werden. Geht aber nicht. Also muss es anders gehen.

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Karl, ein ehemaliger Beamter, ist jetzt fast 80 Jahre alt und manchmal hat er solche Tage. „Von wegen i.R. heißt im Ruhestand“, sagt er. „Das heißt in Rufbereitschaft!“ In der Zwischenzeit hat Karl Urenkel und die fordern ihn nicht schlecht heraus. Er ist in einem Verein, im Arbeitskreis Asyl und in der Kirchengemeinde aktiv. Ach ja, und: „Der Garten scheint auch jedes Jahr größer zu werden“, sagt er. Und gleichzeitig merkt man, dass ihm sein Leben gefällt.

Ich habe Karl gefragt, wie er das alles macht. und ihm gesagt, dass ich ihn bewundere. Wenn ich einmal in seinem Alter bin, dann wäre ich auch gerne noch so aktiv. „Weißt du“ hat er gesagt, „meistens ist das ja gar kein Problem. Ich habe gelernt mir das einzuteilen. Ich muss nicht mehr alles machen. Und ich kann auch einmal „Nein“ sagen. Das ist nicht mehr wie früher. Das nimmt mir keiner mehr übel.“

Nur manchmal, da lässt sich das ja nicht so planen, hat Karl gesagt. Jemand in der Familie wird krank, er soll einspringen, hat aber schon den Termin beim Augenarzt, auf den er so lange gewartet hat. Außerdem hat er versprochen im Vereinsheim einen Handwerker zu empfangen – das kann man auch nicht verschieben und wer soll’s denn machen, wenn nicht die Rentner!

Das wird dann sehr voll.

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„Weißt du“, sagt Karl. Er sagt immer „Weißt du“, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat. Ich höre also genau zu. „Weißt du, wenn ich es sehr anstrengend finde, fällt mir der Psalm 23 ein: Der Herr ist mein Hirte – er führet mich zum frischen Wasser. Und dann weiß ich wieder, dass auch ganz vollgestopfte Tage nur Zwischenetappen sind. Ich unterbreche mich kurz in dem, was ich tue. Und ich bete den ganzen Psalm bis zu ‚und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar‘. Und dann spüre ich: Der Himmel kann zwar noch ein bisschen warten, aber eines Tages wartet er auf mich. Und das gibt mir Kraft.“

Wenn ich einmal im Alter von Karl bin, dann bin ich hoffentlich auch noch so aktiv. Und ich weiß dann hoffentlich auch, wo meine Kraftquellen für vollgestopfte Tage sind. Und wenn Sie den 23. Psalm suchen: Er steht in der Bibel.

Dieser Beitrag ist als Morgengedanke/Morgengruß am 13. Juni 2019 auf SWR1 und SWR4 gesendet worden. Verwendung, auch in Auszügen, nur mit Einverständnis des Autors (c) David Andreas Roth
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Der Psalm 23 ist am bekanntesten in der Übersetzung von Martin Luther:

Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mit folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Manche leben ohne „den da oben“. Mir wäre da himmelangst.

 

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Als Kind habe ich sehr gern ein Lied gesungen, in dem es hieß: „Sind wir ohne Gott, macht die Angst sich breit, aber mit ihm fürchten wir uns nicht!“ Heute kenne ich einige Menschen, die ohne Gott leben. Und die wirken gar nicht ängstlich!

In meinem Alltag brauche ich Gott auch nicht deshalb, weil ich so ängstlich wäre. Aber ohne ihn leben? Das könnte ich trotzdem nicht! Mir würde etwas fehlen. Mir würde etwas fehlen, das mir sehr wichtig ist. Ich glaube zum Beispiel fest daran, dass jeder Mensch einzigartig ist, gewollt, geliebt, wertvoll.

Für mich ist ein Mensch wertvoll, weil Gott ihn einzigartig geschaffen hat. Es zählt also nicht, was er kann. Wenn jemand älter wird etwa, verliert er nicht an Wert. Auch wenn die Kräfte nachlassen, sind Menschen nicht weniger wert. Ich kann nicht jemandem das Recht, zu leben verweigern, weil „es sich nicht mehr rechnet“. Und gerade die, die sich nicht selbst schützen können, die stehen unter Gottes Schutz. Ich weiß, dass das oft in der Bibel steht. Und dass das auch dann so ist, wenn es mir nicht in den Kram passt, wenn ich Menschen anstrengend oder sogar überflüssig finde. Gott sieht das anders.

Jeder Mensch ist wertvoll. Wie könnte ich das begründen, wenn da „oben“ gar niemand ist? Gut, das Grundgesetz… Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber mal ehrlich: Das gründet sich doch letztlich auch wieder auf den christlichen Glauben und damit auf die Annahme oder die Erfahrung, dass da ein Gott ist.

IMG_6912Warum sollte ich geschützt sein? Wenn ich einmal nicht mehr so gut kann, kann man mich dann aus dem Weg räumen? Gott sei Dank hat Gott gesagt: „Du bist mein Kind. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“ (Jesaja 43,1).

Das ist jetzt ein bisschen schwere Kost am frühen Morgen, ich weiß. Aber ich frage mich eben manchmal so: Habe ich noch eine Würde, habe ich noch einen Wert, wenn ich kein wertvoller Teil mehr für die Gesellschaft bin – oder kann ich dann weg, wenn ich zum Kostenfaktor werde? Da wird mir wirklich himmelangst!

Und da fällt mir dann doch wieder das Lied aus Kindheitstagen ein: „Sind wir ohne Gott, macht die Angst sich breit, aber mit ihm fürchten wir uns nicht!“ – Gott sei Dank sind wir nicht ohne Gott. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Dieser Beitrag wurde am 12. Juni 2019 als Morgengedanke/Morgengruß auf SWR1 und SWR4 gesendet. Verwendung – auch in Auszügen – nicht ohne Einwilligung des Autors (c) David Andreas Roth

Für das Gute in meinem Herzen bin ich selbst verantwortlich

IMG_9444Erinnern Sie sich noch wie Ihr Start in diesen Tag war? War der Start eher hektisch oder ruhig? Mit Sorgen gefüllt oder erwartungsfroh? Ich finde ja: Der Morgen macht den Tag. Am Morgen ist mein Herz noch leer. Und ich fülle es gerne erst einmal mit etwas Gutem, damit ich dann auch anderen gut begegnen kann.

Jesus hat einmal gesagt: Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund…

Ich lese nicht als erstes die Zeitung. Nein! Mit einem leckeren Kaffee setze ich mich hin und sammle einfach alles, was am gestrigen Tag gut war. Es gab auch anderes, aber morgens interessiert mich nur das, was gut war, was gelungen ist, was ich geschafft habe und was ich geschenkt bekommen habe.

Manchmal schreibe ich das auf. Manchmal stelle ich es mir noch einmal vor: Der Sonnenuntergang. Ein Anruf, vor dem ich mich gefürchtet habe und der dann doch ganz gut gelaufen ist. Ein paar nette Worte mit der Kassiererin im Supermarkt fallen mir ein. Ein Besuch, bei dem wir Kaffee getrunken haben und auf dem Balkon sitzen konnten…

Und dann lese ich noch einen kleinen Abschnitt aus der Bibel. Die Bibel bringt mich auf Gedanken, die ich im Alltag nicht so denke. Ich verstehe nicht immer alles, aber ich nehme etwas Gutes von Gott in mein Herz auf.

Dann ist der Kaffee getrunken und auch mein Herz ist nicht mehr leer. Und so bete ich dann. Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund…

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Ich sage einfach Danke zu Gott für alles Gute, das mir eingefallen ist. Ich muss nicht noch einmal alles aufzählen. Mein Vater im Himmel weiß es ja schon. Aber manchmal erzähle ich es ihm trotzdem noch einmal. Eigentlich, damit ich das Gute nicht vergesse. Es soll mein Herz wirklich ganz füllen.

Und so kann ich in den Tag starten. Die Probleme und Widrigkeiten kommen von allein. Aber für das Gute in meinem Herzen bin ich selbst verantwortlich.

Ich habe auch einmal versucht, so etwas am Abend zu machen. Das hat gar nicht funktioniert! Ich war viel zu müde. Aber morgens, wenn das Herz leer ist, da geht es gut. Vielleicht wäre das auch etwas für Sie?

Vielleicht gleich morgen früh?

Dieser Beitrag wurde als Abendgedanke am 25. September 2018 auf SWR4 gesendet. (c) David Andreas Roth

Sag zum Abschied leise das, was du zuvor versäumt hast

IMG_6281Eine Beerdigung. Die Verstorbene war in den Achtzigern. Etwa 40 Menschen mögen im Raum gewesen sein und ich habe meinen Blick über die Trauergesellschaft gleiten lassen.

Ich habe Gefühle auf den Gesichtern wiedererkannt, die ich häufig wahrnehme, wenn Menschen Abschied nehmen.

Die Schwester der Verstorbenen saß ganz am Rand der ersten Reihe. Ihre vom Leben gezeichneten Wangen waren feucht von Tränen. Seit einer Erbstreitigkeit war der Kontakt zwischen den beiden fast abgebrochen. Irgendwann ist es zu spät – und man hat das Empfinden, etwas schuldig geblieben zu sein. Warum hat man nicht den Schritt aufeinander zu getan? Warum hat man nicht früher angerufen und einen Neuanfang probiert? War es das wirklich wert?

Häufig fühlen Menschen so, wenn sie Abschied von einem anderen nehmen müssen. Nicht nur bei Beerdigungen, auch bei Trennungen, Scheidungen, ja selbst beim Umzug eines anderen ist das Gefühl da: Ich bin etwas schuldig geblieben.

Der Sohn saß in der ersten Reihe. Beherrscht. Handwerker. Harte Schale, großes Herz. Ich konnte sehen, wie er die Zähne zusammenpresste, um die Kontrolle über seine Gefühle zu behalten und doch war die Sehnsucht in seinen Augen zu sehen. Seine Mutter hatte vor lauter Wiederaufbau und „Ihm soll es einmal besser gehen“ kaum Zeit für ihn gehabt. Er ist als Kind mehr bei seiner Großmutter gewesen als bei ihr. Mütterliche Gefühle hat er nie zu spüren bekommen. Herzlichkeit? Fehlanzeige.

Ganz klar: Sie ist ihm etwas schuldig geblieben. Nicht aus bösem Willen. Im Gegenteil.

Wir alle bleiben einander etwas schuldig, jeden Tag. Er wollte ihr ganz sicher nicht deshalb böse sein, doch das Gefühl stand ihm tief ins Gesicht geschnitten: Du bist mir etwas schuldig geblieben. Ich habe deine Liebe gewusst, aber nicht gespürt.

Wir alle bleiben einander etwas schuldig, jeden Tag. Was machen wir mit dieser Schuld, mit unserer und mit der Schuld der anderen? Was machen wir, wenn der Abschied schon endgültig ist, wenn es kein Zurück mehr gibt?

Es hat einen Grund, warum das Vaterunser bei fast allen Trauerfeiern gebetet wird: „Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ – Es ist nicht zu spät dafür, zu vergeben. Und es ist nicht zu spät, um Vergebung zu bitten. Wir können unsere Schuld abladen bei Gott – unsere und die der anderen.

Dieser Beitrag wurde auf SWR4 Baden-Württemberg am 24. September 2018 als Abendgedanke gesendet. (c) David Andreas Roth
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