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Ich wüsste keine andere Religion, deren Gott groß genug wäre, sich in seinem heiligen Buch in Zweifel ziehen zu lassen.

Psalm 88

Vor fast 30 Jahren bin ich auf den Psalm 88 gestoßen. Dieser Psalm nahm genau das auf, was ich damals durchlebte, empfand und mit eigenen Worten entweder nicht sagen konnte oder mich nicht zu sagen traute.

Es gibt nur einen „positiven“ Satz in diesem Lied, das ist der erste Satz. „Herr, mein Gott und Retter, Tag und Nacht schreie ich zu dir!“ Dieses eine Mal wird Gott als „Retter“ bezeichnet. Der gesamte weitere Psalm spricht von Verlassenheit, von Zweifel am guten Willen Gottes, von der Enttäuschung.

In meiner damaligen Verfassung hat es mir einfach nur gut getan, weil ich mich selbst wahrscheinlich nie getraut hätte, so mit Gott umzugehen. Aber das war Gottes Wort. Das hatte er autorisiert! Das war über die Jahrhunderte in einem mühsamen und seltsamen Prozess zum gemeinsamen Zeugnis von jüdischem und christlichem Glauben geworden!

Warum hast du mich verstoßen, Herr? Warum verbirgst du dich vor mir? Solange ich denken kann, bin ich gequält und dem Tode nah. Du erschreckst mich mit immer neuen Plagen, sodass ich fast an dir irrewerde. Dein Zorn ist über mich gekommen wie ein Feuersturm, deine furchtbaren Angriffe zerschlagen mich. Sie bedrohen mich von allen Seiten, täglich dringen sie auf mich ein wie tödliche Fluten. Freunde und Nachbarn hast du mir entfremdet; mein einziger Begleiter ist die Finsternis (Verse 15-19).

Gott selbst muss es sein, der mir das angetan hat. Und die Botschaft an Gott ist klar: „Ich habe mehr als genug gelitten“ (Vers 4).

Gottes Größe

Heute staune ich darüber, dass Gott sich das leistet und sehe es als ein weiteres Zeichen seiner Größe an. Er muss nicht ausschließlich in endlosen Lobliedern besungen werden. Er ist im Leid der Menschen. Er hat damals nicht nur meine Worte und Empfindungen ertragen und gehört. Lange bevor ich wusste wie ich mich ausdrücken kann, hat er meine Worte schon zu seinem Wort gemacht gehabt.

Das fasziniert mich. Und ich hoffe, dass viele andere diese Größe Gottes entdecken. Er wird nicht klein gemacht durch unsere „Angriffe“. Er hilft uns dabei. Denn er wünscht sich unsere Liebe und Zuwendung. Er will nicht, dass wir uns verkriechen müssen, wenn wir „schlechte“ Gefühle haben. Er möchte, dass wir bei ihm bleiben. Unsere Klagen sollen „An-Klagen“ werden, die sich an jemand wenden und damit von uns weg kommen.

Er hält das aus. Er hält mich aus. Er ist groß genug.

Gott sei Dank, der mich in meiner Verzweiflung damals nicht allein gelassen hat, sondern mir Worte gegeben hat. Für mich ist aus der An-Klage wieder An-Betung geworden. Vielleicht war das eine immer schon im anderen!

Stellvertretend Schuld anderer auf mich nehmen?

  • Hat Jesus das ein für alle Mal getan und deshalb ist es „nicht mein Job“?
  • Oder ist es als Nachfolger von Jesus gerade mein Job, weil ich das tun werde, was er getan hat?

Wie gehe ich mit der Schuld anderer überhaupt um?

  • Stelle ich mich über sie und richte (ihr Bösen, die ihr das Flüchtlingselend zulasst)?
  • Stelle ich mich neben sie (wir Bösen, die wir das Flüchtlingselend zulassen)?
  • Stelle ich mich an die Seite von Jesus und nehme seinen Platz/seine Sicht ein (ich, der ich gewiss bin, dass Gott Schuld vergibt, trage und nehme auf mich…)?

Lässt sich das überhaupt trennen? Was würde es bedeuten, wenn ich für die Schuld anderer geradestehe (also für die Folgen des Fehlverhaltens aufkomme)?

Verwirrt und angesprochen nach der Lektüre von Jesaja 53, dem ach so vertrauten Text vom leidenden Gottes-Diener.

Ezechiel ist ein seltsamer Prophet. Kein Wunder, dass er gern übersehen wird von den „Leiterschafts-An-Leitern“, die sich schnelle Wirkungen erhoffen. Er ist kein Macher. Er ist ein Mahner. Ob er sich das herausgesucht hat? Ganz sicher nicht. Es war sein Auftrag, das zu sein.

Ein seltsamer Prophet

Ezechiel (Hesekiel) ist ein seltsamer Prophet. Seit ein paar Wochen lese ich das sperrige Prophetenbuch für mich in meiner „Qualitätszeit“ mit Gott. Und ich staune. Zuerst dachte ich: „Was für ein komischer Impuls, dieses Buch zu lesen. Es hat so gar nichts mit mir zu tun.“

Je länger ich lese, desto mehr merke ich, dass nicht die äußeren Umstände und auch nicht exegetische Auffälligkeiten der Grund sind, warum ich das lese. Ich spüre es mehr als ich es belegen könnte: Ezechiel ist ein besonderer Prophet, weil es bei ihm nicht um die Wirkung geht, die er erzielt. Seine Aktionen sind zwar anschaulich, aber langwierig. Mehr als ein Jahr muss er einfach nur „herumliegen“! Was für ein „prima Auftrag“, was für ein „kraftvolles Werkzeug“ er doch ist in der Hand Gottes. Seine Anklagen sind nicht originell. Die Menschen, die er meint, sind weit weg und wenig an ihm und seinen Aussagen interessiert.

Kein Wunder, dass er selten von den aktuellen Leiterschafts-An-Leitern als Vorbild eingesetzt wird. Und doch ist er dabei, genau das für mich zu werden, ein Vorbild.

Wahrheit, nicht Wirkung

Es geht um die Wahrheit, nicht um die Wirkung. Es geht um den Auftrag, nicht um den Erfolg. Das hat Ezechiel mit Jeremia gemeinsam. Und mit Jesus.

Allen, die auf den Erfolg schielen und sich am Erfolg anderer orientieren, möchte ich am liebsten zurufen: „Hört auf damit“. Einfach machen, was Gott will! Nicht selbst der Macher sein. Nicht selbst bestimmen, dass alles einen Sinn und eine Wirkung haben muss (die wir auch sehen und begreifen können). Das möchte ich am liebsten allen zurufen.

Aber zuerst gibt es wohl noch einiges für mich selbst zu lernen. Ezechiel ist mit mir noch nicht durch.

Diese Zeitungsandacht erschien am 8. Mai im Metzinger/Uracher Volksblatt (Südwestpresse) – der gleiche Gedanke wurde in anderer Form am 9. Mai auf SWR 1 gesendet.(c) David Andreas Roth, Veröffentlichung nur nach Rücksprache mit dem Autor

Ich finde: Wenn es einen Tag im Jahr gibt, an dem einem die Last von den Schultern genommen wird, dann ist es Himmelfahrt! Wir Christen glauben, dass Jesus „aufgefahren“ ist „in den Himmel, dort sitzt er zur Rechten des Vaters“. Darum geht es am Himmelfahrtstag.

Wenn Jesus Christus aber „da oben“ sitzt, dann hat er den Überblick. Und mir „hier unten“ ist die Last von den Schultern genommen, die ich oft fühle. Ich bin so oft zwischen Allmachts- und Ohnmachtsgefühlen hin- und hergerissen. Mir ist als müsste (und könnte) ich „den Überblick haben“ – und dann spüre ich natürlich, dass ich eigentlich recht wenig verstehen und noch weniger beeinflussen kann. Ohnmacht breitet sich aus.

Himmelfahrt, das bedeutet: Es reicht, wenn ich in meinem persönlichen Verantwortungsbereich versuche, das Richtige zu tun. Richten wird’s ein anderer, der den Überblick wirklich hat. So verstehe ich es, wenn es im Glaubensbekenntnis weiter heißt „von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“: Er wird’s richten. Jesus Christus selbst hat den Überblick, er wird’s richten.

Mich entlastet das und vielleicht ist es auch für Sie ein tröstlicher Gedanke, dass nicht wir Menschen den Überblick haben müssen über alles. Wir müssen’s nicht richten. Er wird’s richten. Es reicht, wenn wir versuchen in dem, was wir vor Augen haben, das Richtige zu tun.

Himmelfahrt ist der Tag, an dem mir Gott die Last von den Schultern nimmt.

Für den Sich-anpassenden Leitenden-Typ ist Leitung ein täglicher Kampf, so sagt Walker.

Für den Front-Stager
bedeutet Leitung, immer zu schauen, was gerade angesagt ist. Er prüft, aus welcher Richtung der Wind kommt und versucht ihn dafür zu nutzen, in der Gemeinschaft zu bleiben, populär und wahrgenommen.

Eigentlich ist es kein Leiten, sondern ein Folgen, das der Front-Stager praktiziert. Er integriert sich, er ordnet sich ein, er hält die Leute bei der Stange. Das kann dahin führen, dass er Gruppen gegeneinander ausspielt, nur die halbe Wahrheit sagt, weil die ganze Wahrheit unbequem wäre. Er zögert, wenn es darum geht Tyrannen zu konfrontieren oder Konflikte zügig zu lösen, indem man die Dinge beim Namen nennt. Er kaschiert Risse in den Beziehungen, während sie unter dieser Tarnung zu Brüchen werden.

Das ist verbunden mit sehr viel Arbeit. Der Sich-Anpassende als Front-Stager ist immer damit beschäftigt, seine eigene Existenz (auch vor sich selbst) zu rechtfertigen und seinen Wert deutlich zu machen.

Der Back-Stagerzeigt dieses Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe nicht. Er wirklt auf seiner Vorder-Bühne sehr kontrolliert, sicher und selbstbewusst. Während sie alles tun und alles richtig tun, was die Organisation braucht, treiben sie sich selbst immer weiter voran in diesem Bild, das weit weg ist von ihrer wirklichen Persönlichkeit.

Schließlich sind sie ausgelaugt, ausgepresst geradezu, während die Organisation immer noch mehr von ihnen will. Sie sind in einer ausweglosen Situation: Mehr können sie nicht mehr geben, aber das können sie nicht zeigen, denn sie glauben nicht daran, für das geliebt zu werden, was sie sind.

Sie leisten und dienen, um etwas zurückzubekommen. Sie erhoffen sich Dank und Anerkennung und fühlen sich zurückgewiesen, wenn diese ausbleiben. Das kann zu unerwarteten emotionalen Ausbrüchen führen oder zu Angst- und Panik- oder Neidattacken. Es kann sich körperlich zeigen. Auf Dauer wird der Back-Stage-Sich-Anpassende in der einen oder anderen Form gesundheitliche Folgen tragen – und das wird sich auf seine Vorder-Bühne auswirken, also genau da, wo er es am meisten fürchtet.

Ein biblisches BildIn der Bibel gibt es eine Erzählung, so Walker, die genau diesen Typus beschreibt. Im Bericht eines Besuches von Jesus (Lukas 10,38ff) bei den Schwestern Maria und Marta ist Marta die, die sich anpasst. Sie werkelt und tut und versucht es allen bequem zu machen, bis es ihr zu viel wird, sie ihre Schwester angreift und lautstark von Jesus Unterstützung einfordert.

Überraschenderweise wird Marta eingeladen, zu entdecken, dass Geben nicht immer besser ist als Nehmen. Tatsächlich ist Nehmen für die Sich-Anpassende die größere Herausforderung! Es beinhaltet, in der Schuld eines anderen zu stehen und demütig den Dienst eines anderen anzunehmen. Es nimmt einem die Kontrolle und erlaubt einem anderen, einen zu lieben und damit Macht über einen zu haben.

In einer Organisation ist die Fähigkeit der Leitenden, zu nehmen, anzunehmen und zu empfangen ein sichtbares Zeichen für Vertrauen und Gesundheit. Gibt es diese Fähigkeit nicht, werden sie die Menschen dahin leiten, ihre eigenen unerfüllten Bedürfnisse zu bedienen.

Ich persönlich glaube, dass dieser Typ unter den ehrenamtlich Leitenden in freikirchlichen Gemeinde am häufigsten vorkommt. Meist als Back-Stager. Das bedeutet ein unglaubliches Potential für die Gemeinden, aber es ist auch ein Teil der Erklärung dafür, warum in so vielen Gemeinden „ganz plötzlich“ Streit aufbricht und „die Hölle los ist“. Obwohl man doch jahrelang nichts gemerkt hat…

Wenn du zum Sich-anpassenden-Leiterschafts-Typ gehörst, dann bist du im besten Fall jemand, der um sich herum eine Atmosphäre von Geborgenheit und Wärme verbreitet. Du gehst den Einzelnen nach, fragst nach den Bedürfnissen aller. Du arbeitest hart daran, dass alle zu ihrem Recht kommen und niemand auf der Strecke bleibt.

Front-Stage – Sich Anpassende
Es geht dir darum, wahrgenommen zu werden. Das kann so weit gehen, dass du überhaupt nur weißt, wer du bist, wenn andere dir sagen, wer du bist. Du brauchst es, zu einer Gemeinschaft zu gehören, ein großes Ziel mit anderen zu verfolgen, damit du dich selbst fühlst und weißt, dass du einen Wert hast.

Deshalb versuchst du auch zu vermeiden, dass die Gemeinschaft auseinanderfällt. Du bit so etwas wie der Klebstoff der Gemeinschaft. Du hast einen Blick für die anderen, vor allem für die, die übersehen werden könnten. Deine Angst ist es, aus der Gruppe zu fliegen, deshalb sorgst du dafür, dass nie jemand aus der Gruppe fliegt.

Wenn du nicht so sehr „seelsorglich“ den Menschen nachgehst, dann bist du wahrscheinlich eine von den Personen, die Probleme löst. Manches Mal bringst du sogar erst die Probleme auf. Wenn es keine Schwierigkeiten zu geben scheint, dann bist du es, die ergänzt, was an Schwierigkeiten kommen könnte – und natürlich bietet es sich an, dass du dich diesem Problem auch widmest. Manches Mal machst du dabei vielleicht aus einer Mücke einen Elefanten – aber du bist gefragt und stehst im Zentrum; also dort, wo du spüren kannst, dass du einen Wert hast.

Es kann sein, dass es dabei eine Schattenseite gibt, nämlich, dass du vergleichsweise krasse Mittel anwenden musst, deine Gefühle in Ausbrüchen oder sehr drastisch zeigen musst, damit auch wirklich jede und jeder hinschaut. Walker spricht in diesem Zusammenhang von „emotionaler Inkontinenz“, kein schöner Ausdruck, aber er zeigt deutlich, was gemeint ist: Selbst wenn du wolltest, du könntest deine Gefühle nicht bei dir behalten…

Back-Stage Sich-Anpasser
Wenn die Für-Sorge, das Kümmern und Probleme-Lösen bis zur emotionalen Inkontinenz führen können, so bist du als Backstage-sich-Anpassende eher ein Mensch, der an emotionaler Verstopfung leidet.

Die eigenen Gefühle auszudrücken ist einfach zu gefährlich für dich. Du fühlst dich verantwortlich dafür, dass Beziehungen nicht zerbrechen und entlastest andere von ihrer Verantwortung für das Gemeinsame, ja, von der Verantwortung für ihr Handeln. Das führt dazu, dass du dich mit der Zeit ausgelaugt fühlen kannst. Es fällt dir schwer, „Nein“ zu sagen, du lässt dich lieber beschuldigen und kämpfst nicht gerne für dein Recht. Du bist pflichtbewusst, verantwortlich für fast alles und bringst Verständnis für jede und jeden auf.

Damit, so führt Walker aus, passt du perfekt in eine bestimmte Vorstellung von christlichem Leben: Demütig, Diener aller, der den Wert der anderen immer über den eigenen erhebt.

Wenn du nicht aufpasst, wird das Leben als Christin zur täglichen Belastung, zur Pflichterfüllung einer übergroßen Verantwortung, zusätzlich belastet mit ständigem Schuldgefühl, weil ER so viel für dich getan hat. Wenn der Tod von Jesus so verstanden wird, wird das Leben in seiner Nachfolge zu einer anderen Art der Sklaverei.

Es ist schon länger her, dass ich meine Fortschritte im Buch „The Undefended Leader“ dokumentiert habe. Aber das Buch lohnt – immer noch. Ich mache Fortsetzung mit dem vierten, noch fehlenden Leiterschafts-Typ.

„The Adapting Leadership Ego“ nennt Simon Walker den vierten Typ. Ich habe versucht das zu übersetzen mit „Der sich anpassende Leiterschaftstyp“. Seine Gefährdungen sind Ängstlichkeit und Über-Verantwortlichkeit.

Beziehungen sind zerbrechlich und unsicher…

das könnte die innere Formel sein, der das Sich-anpassende Leiterschafts-Ich folgt. Beziehungen können aus unterschiedlichen Gründen als zerbrechlich erlebt werden, so führt Walker aus.

Solche Menschen haben als Kinder zum Beispiel erlebt, dass die Bezugspersonen einfach „nicht da“ waren. Jedenfalls nicht für einen selbst – immer bei der Arbeit, immer bei den eigenen Problemen, immer mit den anderen Familienangehörigen beschäftigt. Also passt „man“ sich an: Man macht auf sich aufmerksam mit Mitteln, die funktionieren: Gefühlsausbrüche oder ein guter Blick für die Dinge, die im Haushalt erledigt werden müssen. Was, das ist eigentlich egal. Hauptsache es funktioniert und sie werden nicht zurückgewiesen. Der Aufwand dafür kann hoch sein, denn es muss ständig daran gearbeitet werden, dass die Beziehung nicht wieder bricht oder unterbrochen wird.

Ein anders Setting für die Entwicklung dieses Typs von „Ich“ ist die Erfahrung, dass erwachsene Bezugspersonen schon völlig abgefüllt sind mit ihren eigenen Gefühlen. So werden die Gefühle der eigenen Person unterdrückt, zurückgehalten. Sie haben keinen Anlaufort für ihre eigenen Gefühle. Sie passen sich an und tragen selbst Sorge dafür, dass die Beziehung nicht belastet oder gar unterbrochen wird durch die eigenen Bedürfnisse.

Ein drittes Setting für die Entstehung des „Sich-Anpassenden“ ist ungewöhnlicher, aber die Zusammenhänge leuchten ein. Ein Kind, das nie erlebt hat, dass es Streit gibt, dass man laut wird und sich später wieder verträgt –  so ein Kind weiß nicht, was passieren würde, wenn es einmal zu einem Streit käme. Die Beziehungen sind also verdeckt unsicher, zerbrechlich! Eben weil sie „immer gut“ sind. Das Kind muss sich daran anpassen und es muss auch von seiner Seite aus „immer alles gut“ sein.Dabei erlebt sich das Kind selbst als den eigentlich unsicheren Faktor: Die anderen sind ja immer ausgeglichen, nur in sich fühlt das Kind immer wieder Widerspruch und Schwierigkeiten. Es vertraut also den anderen mehr als sich selbst.

Hier liegen die Grundlagen für ganz besondere und herausragende Menschen, die sich selbst verleugnen können, um anderen zu helfen; Menschen, die bereit sind, Beziehungen zu kitten und auch einmal Fünfe grade sein zu lassen; Menschen, die christliche Tugenden verinnerlicht haben.Oder scheinen sie nur so? Schützen sie nicht letztlich sich selbst vor der Enttäuschung, dass auch gute Beziehungen zerbrechen, dass auch die anderen „nur“ Menschen sind? Oder ist es womöglich beides?

Esra ist ein gutes Vorbild für Menschen, die Verantwortung tragen und Menschen führen müssen (oder dürfen). Er macht ganz eindeutig nicht alles richtig – und genau deshalb ist er mir persönlich sympathisch. In den vorigen Posts habe ich schon beschrieben, wie er sich in einer Krisensituation verhält und dann sein Verhalten ändert. Von einer die Angst fördernden Selbstbezogenheit kommt er zur Ausrichtung auf Gott und Menschen. Er fördert die Solidarität mit Gott, mit sich und mit der Sache, weil er Solidarität zeigt mit denen, die die Krise heraufbeschworen haben. Nicht nur sie, sondern die ganze Gemeinde Gottes leidet darunter, dass „so etwas“ bei ihnen geschehen konnte.

Die Kanone wird postiert
Und noch eines ist auffällig, sympathisch und als Vorbild tauglich. Esra ist nicht einfach „durch“ mit dem Thema. Er trauert, er braucht Zeit. Und wie sehr „das Ganze“ noch an ihm nagt, das sieht man im Folgenden – allein schon an der Dimension, die er der Aufarbeitung geben möchte (Esra 10):

Darauf ließ Esra in Judäa und Jerusalem ausrufen, dass alle Heimgekehrten sich in Jerusalem versammeln sollten.
So hätten es die Vorsteher und Ältesten beschlossen. Jeder, der nicht vor Ablauf von drei Tagen komme, werde aus der Gemeinde der Heimgekehrten ausgeschlossen und sein gesamter Besitz werde eingezogen.
Pünktlich versammelten sich alle Männer der Stämme Juda und Benjamin in Jerusalem. Es war der 20. Tag des 9. Monats. Sie setzten sich auf den freien Platz vor dem Haus Gottes, zitternd wegen der anstehenden Sache und auch, weil es in Strömen regnete.

Ich grinse jedesmal in mich hinein, wenn ich diesen kleinen Hinweis am Ende lese. Esra lässt sie alle antanzen! ALLE!!! Wehe, wenn nicht. – Das kenne ich auch. „Jetzt aber mal hergehört! Und aufgepasst! Wisst ihr eigentlich wie wichtig das ist???? Und: Nein, der Termin ist mir egal und auch das Wetter. Das muss jetzt sein!“ Gut, das ist ein bisschen übertrieben. Da habe ich in den letzten 10 Jahren schon einiges dazu gelernt, aber der erste Impuls ist immer noch ziemlich oft genau so!

Attacke!
Wieder verbreitet Esra erst einmal Angst und Zittern (und das eben gleich doppelt…). Er baut die Kanone auf. Wie sich herausstellt ist das eine deutlich überimensionierte Bewaffnung – auch die Munition ist unnötig. Mit vielen „ihr“ und „euch“ greif Esra die Menschen an. Das haben wir schon ganz anders von ihm erlebt!

Der Priester Esra stand auf und sagte zu ihnen: »Durch eure Heirat mit fremden Frauen habt ihr dem HERRN die Treue gebrochen und so die Schuld Israels vergrößert. Gesteht jetzt vor dem HERRN, dem Gott eurer Väter, eure Schuld ein und tut, was er von euch erwartet. Trennt euch von den Bewohnern des Landes und von euren fremden Frauen!«
Die ganze Gemeinde rief laut: »Ja, das müssen wir tun! Genau wie du sagst!«
Sie gaben aber zu bedenken: »Wir sind zu viele hier und außerdem regnet es. Hier im Freien können wir nicht bleiben. Die Sache lässt sich auch nicht in ein oder zwei Tagen erledigen, weil so viele von uns darin verwickelt sind.

Die angereisten Männer müssen gegen den Regen anschreien. Sie stimmen ja in allem zu! Es muss sich etwas ändern. Aber solch komplexe Dinge kann man doch nicht mal eben und man kann sie auch nicht mit allen besprechen!
Das ist, wenn ich es richtig sehe, ein massiver Leitungsfehler. Verständlich, aber massiv. Hier setzt Esra alles aufs Spiel, was er bis dahin an Bereitschaft für den weiteren Weg vorbereitet hat!
Er polarisiert, er überfordert, er nimmt keine Rücksicht darauf, dass zwar viele, aber bei weitem nicht alle konkrete, aktive Schuld auf sich geladen haben… Die Liste seiner Fehler lässt sich fortsetzen…

Mündige lassen sich leiten, aber sie schlucken nicht alles
Wie gut, dass in der Kritik schon ein Lösungsansatz steckt (man könnte den ganzen Bericht auch als einen Bericht lesen von Menschen, die sich als Mündige leiten lassen; vielleicht erzähle ich ihn so auch noch einmal nach). Dieser Ansatz wird sofort in Einzelschritte heruntergebrochen. Und es wird klar gemacht, dass die Kritik nur dem Verfahren, nicht der Sache an sich gilt. Die Schuld ist offensichtlich für die Anwesenden. Nur das Verfahren und die Umstände sind nicht gut gewählt. Doch das soll sich ändern:

Unsere Vorsteher sollen hier bleiben und im Auftrag der ganzen Gemeinde handeln. Jeder, der eine fremde Frau geheiratet hat, soll zur festgesetzten Zeit vor ihnen erscheinen, zusammen mit den Ältesten und Richtern seines Ortes. Alles soll in Ordnung gebracht werden, damit wir den glühenden Zorn unseres Gottes von uns abwenden, den wir mit diesem Treubruch auf uns gezogen haben.

Esra ist überzeugt, aber nicht überheblich!
Esra gefällt mir. Statt jetzt auf sein Verfahren, seine Vorgehensweise zu pochen, stimmt er zu. Alle stimmen zu! Bis auf ein paar wenige. Die werden wahrgenommen – was wichtig ist – aber sie werden nicht zu Blockierern gemacht. Sie werden nicht verwechselt mit „dem Volk“, sondern als Menschen mit abweichender Meinung zur Kenntnis genommen. So haben sie es sogar in die Bibel geschafft.

Alle stimmten zu, ausgenommen Jonatan, der Sohn von Asaël, und Jachseja, der Sohn von Tikwa, die von Meschullam und dem Leviten Schabbetai unterstützt wurden. Die Heimgekehrten verfuhren nach diesem Beschluss.

Esra bremst noch einmal; Leiten heißt: Den Überblick behalten und klare Beauftragungen ermöglichen
Das klingt gut. Aber Esra sagt dennoch: „Halt!“ Das ist ein guter Plan, so fährt er fort, aber auch bei diesem Sauwetter geht mir keiner, bevor wir genau festgelegt haben, wer die Aufgabe durchführt. Ohne persönliche Verantwortung geht es nicht.
Esra ahnt den Schwachpunkt in dem neuen Verfahren. Jetzt könnte sich zuerst die Masse aus der Verantwortung stehlen, dann auch „die Vorsteher“. Der eine wird zu tun, der andere die Grippe haben. Und zum Schluss steht Esra alleine da und das Ganze geht von vorne los. Es muss klar sein, wer die Verantwortung trägt. Und dazu muss klar sein, wer die Verantwortung übertragen bekommt:

Der Priester Esra rief die Oberhäupter aller Sippen namentlich auf und betraute sie mit dieser Aufgabe.

Jetzt kann es losgehen! 10 Tage später trifft sich die Gruppe der Verantwortlichen zum ersten Arbeitstag.

Am 1. Tag des 10. Monats traten sie zusammen, um mit der Untersuchung zu beginnen. Alle Männer, die fremde Frauen geheiratet hatten, mussten vor ihnen erscheinen. Bis zum 1. Tag des 1. Monats war die ganze Angelegenheit geregelt.

Das war’s für das Erste mal von Esra und meinen Gedanken dazu. Ich freue mich über Kommentare, Ergänzungen, Berichte von eigenen Erfahrungen!

Solidarität
Nachdem Esra sich aus seiner Schockstarre erhoben hat, wendet er sich Gott und der Gemeinschaft zu. Das Fehlverhalten, das Einzelne sich zuzuschreiben haben, ist doch auch die Schuld der ganzen Gemeinschaft.
Das vergessen christliche Gemeinschaften vor lauter Bemühen um Harmonie so schnell: Wenn wir zulassen, dass unsere Geschwister schuldig werden und in dieser Schuld bleiben, weil wir sie nicht offen ansprechen, dann wird ihre Schuld zu ‚unserer Schuld‘. Wir haben den Auftrag einander auf Schuld hinzuweisen und einander aus Schuld herauszuhelfen (das ist die ursprüngliche Bedeutung des so gerne zitierten Verses: „Einer trage des anderen Last“ in Galater 6). Das tun wir ohne Überheblichkeit – und da ist Esra ein gutes Beispiel. Er betet zu Gott und beschreibt dabei „unsere Schuld“.

Solidarität steckt an (Esra 10)

Während Esra vor dem Tempelhaus auf den Knien lag und unter Tränen zu Gott betete und die Schuld des Volkes bekannte, versammelte sich bei ihm eine große Gemeinde von Männern, Frauen und Kindern aus Israel. Sie alle weinten sehr.
Schechanja, der Sohn von Jehiël aus der Sippe Elam, sagte zu Esra: »Wir haben unserem Gott die Treue gebrochen; denn wir haben Frauen aus der Bevölkerung des Landes geheiratet. Aber trotzdem gibt es noch eine Hoffnung für Israel:
Wir müssen jetzt mit unserem Gott einen Bund schließen und uns verpflichten, alle fremden Frauen mit ihren Kindern wegzuschicken. So hast du es uns geraten, und alle, die das Gebot unseres Gottes ernst nehmen, haben es befürwortet. Dem Gesetz Gottes muss Geltung verschafft werden.
Darum steh auf! Du musst das in Ordnung bringen. Sei mutig und handle! Wir stehen hinter dir!«

Dieses Mal steckt Esra nicht mit Angst, sondern mit seiner Traurigkeit an. Die Menschen, die sich versammelt haben, sind solidarisch, so wie er solidarisch ist. Es ist nicht Ausweglosigkeit und nicht die Furcht vor Strafe, die er verbreitet. Sein letzter Satz im Gebet ist „So (jedenfalls) können wir vor dir, Gott, nicht bestehen“ – und das beinhaltet schon eine Lösung, die Schechanja auch gehört hat: Die gefährlichen Partnerschaften müssen getrennt werden! Dieser Rat ist angekommen, auch wenn er nicht ausgesprochen wurde!
Andere sind zum Handeln ermutigt worden, machen sich eins und sie wissen auch: Jetzt darf keine Hetzjagd beginnen. Es geht nicht um einen Kampf gegen „die Übeltäter“. Vielmehr soll „dem Gesetz Gottes Geltung verschafft werden“. Esra soll das „in Ordnung bringen“.
Schechanja gefällt mir. Ich hätte mir schon manches Mal solche Unterstützer gewünscht. Vielleicht habe ich es einfach zu selten so gemacht wie Esra und aus der Solidarität mit der „Gemeinschaft der Schuldigen“ heraus die Möglichkeit zum Handeln eröffnet.

Die Trauer bleibt
Naiv ist Esra nicht. Die Solidarität, die Weggemeinschaft kann auch wieder einseitig beendet werden. Das hat er ja eben erfahren, dass sitzt noch tief. Deshalb lässt er sich erst einmal bestätigen, dass er handeln soll im Namen aller.

Da stand Esra auf. Er ließ die Vorsteher der Priester aus der Nachkommenschaft von Levi und die Vorsteher von ganz Israel schwören, so zu handeln, wie Schechanja beantragt hatte, und sie schworen es.
Dann verließ Esra den Platz vor dem Haus Gottes und ging in die Tempelzelle Johanans, des Sohnes von Eljaschib. Dort blieb er die Nacht über, aß nicht und trank nicht, so erschüttert war er über den Treubruch der Heimgekehrten.

Das ist ja alles noch einmal gut gegangen! Doch am Ende dieses Abschnitt ist es ein trauriger Esra, den wir sehen.
Es wäre so schön, wenn Verantwortliche, Leiterinnen und Leiter nun sagen könnten: „Klasse, das war’s! Ende gut, alles gut.“ Aber das können wir oft nicht. Und es ist gut, wenn wir uns das eingestehen. Wo wir verletzt sind, wo wir gescheitert sind, wo wir enttäuscht und verraten sind, da gehen wir einen Weg mit vielen Etappen. Es ist ein Weg der Trauer.
Dieses Mal zieht sich Esra zurück, er zieht nicht die anderen mit hinein. Er bleibt in der Nähe Gottes, er braucht jetzt Zeit für sich und Gott. Er braucht Zeit, um zu trauern über den Treubruch – an ihm, an Gott, am Volk. Wenn er diesen Weg nicht geht, Schritt für Schritt, dann wird in dem, was auf ihn zukommt, seine Motive nicht rein halten können. Dann wird er sich zu Gott machen wie es Leitende manchmal tun (oder Menschen, die sich die Macht in der Gemeinde über Anträge, Pöstchen oder Intrigen holen): Er wird versuchen, für sich Genugtuung zu erreichen. Doch das ist nicht sein Auftrag. Sein Auftrag ist es, die Unordnung wieder in Ordnung zu bringen.
Wie heißt es im Neuen Testament: Gott ist ja nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens. Er soll den Frieden wieder herstellen. Das geht nur, wenn seine Motive rein sind. Und sie werden rein, wenn er sich der Trauer und Enttäuschung stellt.
Dass wir davon wissen, auch wenn er es dieses Mal nicht an die große Glocke hängt, zeigt noch einmal mehr, dass Esra jemand ist, der leitet ohne Allüren. Man darf von seiner Trauer auch wissen. Und sie ist noch nicht zuende…
Das sieht man, wenn man im Folgenden miterlebt, wie er mit Kanonen zwar nicht auf Spatzen, aber doch auf Elstern schießt…

Weg von mir und hin zu Gott und auch zum „Wir“

Zur Zeit des Abendopfers erhob ich mich aus meiner Erstarrung, kniete in meinen zerrissenen Kleidern nieder und betete mit ausgebreiteten Armen zum HERRN, meinem Gott.

Ich bin immer noch im Buch Esra, Kapitel 9 und 10. Esra war geschockt, dass ausgerechnet seine Wegbegleiter und die, die Vorbilder hätten sein sollen, die Gemeinde Gottes durcheinander bringen. Er verfällt in ein schmerzvolles, authentisches, aber auch Furcht einflößendes Schweigen.

Doch dann „erhebt“ er sich. Und was folgt ist ein langes Gebet in der Öffentlichkeit. Ich bin fasziniert von der Wende, die Esra vollzieht. Er wendet sich nun – in der Öffentlichkeit – Gott zu. Und das Erstaunliche ist: Es ist kein Gebet gegen die, die ihm Schmerz zugefügt haben. Es ist kein Gebet voller Rachegedanken. Es ist kein Gebet, das vor Gott über die eigene Ohnmacht klagt und darüber wie vergeblich es ist, Menschen etwas beibringen zu wollen.
Ich glaube, dass all das – Schmerz, Rachegedanken, Ohmachtsgefühle, Scheitern – in der Zeit des Schweigens zuvor Platz gefunden hatten. Die Kritik an diesem Schweigen ist ja nicht, dass es stattfindet, sondern dass es öffentlich stattfindet. Bevor Esra nun Worte findet, hat er andere mit Angst angesteckt, mit Angst vor Gott. Und das ist nicht die Aufgabe eines geistlichen Leiters (wie ich denke, dass es auch sonst nicht die Aufgabe irgendeines Leiters ist, Angst zu verbreiten, sondern eine realistische Sicht der Dinge, soweit die Geleiteten dadurch nicht verwirrt werden).

Jetzt jedenfalls wendet sich Esra Gott zu. Er tut dies vor und mit denen, die er schließlich doch noch wahrgenommen hat. Und mehr noch. Er spricht über jetzt. Er spricht ganz realistisch davon, dass die Situation der Israeliten nach wie vor mit Sklaverei bezeichnet werden muss, er spricht davon, dass es ihnen schon besser geht. Er spricht von der Schuld und davon, dass die Strafe Gottes bisher milde ausgefallen ist, er fragt Gott, was nun weiter geschehen soll.
Und in dem sieht er sich als Teil des Gottesvolkes, als Teil der Schuldigen, als Teil derer, die mit ihm am Tempelhaus stehen!

HERR, du Gott Israels, du hast Gnade vor Recht ergehen lassen und uns als Rest deines Volkes gerettet, wie unser Hiersein das heute bezeugt. Und nun stehen wir vor dir mit unserer Schuld! Wir wissen: So können wir vor dir nicht bestehen!

Esra tut etwas, was vielen sehr schwer fällt, wenn sie leiten: Er solidarisiert sich mit der Gemeinschaft. Er macht keine Unterschiede und sagt nicht: „Mir wäre das nicht passiert“ oder „Ich mache das ja anders, aber die hier…“ – Wir! Wir stehen vor dir mit unserer Schuld!
Und Esra öffnet mit dem Gebet den Weg hin zum Handeln. So – sagt er – so können wir vor dir nicht bestehen. Es muss sich etwas ändern.
Ich habe es erlebt, wie zerstörend es für die Gemeinschaft sein kann, wenn Menschen, die Verantwortung tragen, nicht zum „wir“ zurückkommen, sondern bei sich bleiben und die anderen eben als die anderen sehen. Wer bei sich selbst bleibt, neigt auch zur Selbst-Gerechtigkeit. Esra macht es – nach einem holprigen Start – anders. Die Wirkung ist auch entsprechend anders. Er polarisiert nicht, sondern eint.

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