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Ich wüsste keine andere Religion, deren Gott groß genug wäre, sich in seinem heiligen Buch in Zweifel ziehen zu lassen.

Psalm 88

Vor fast 30 Jahren bin ich auf den Psalm 88 gestoßen. Dieser Psalm nahm genau das auf, was ich damals durchlebte, empfand und mit eigenen Worten entweder nicht sagen konnte oder mich nicht zu sagen traute.

Es gibt nur einen „positiven“ Satz in diesem Lied, das ist der erste Satz. „Herr, mein Gott und Retter, Tag und Nacht schreie ich zu dir!“ Dieses eine Mal wird Gott als „Retter“ bezeichnet. Der gesamte weitere Psalm spricht von Verlassenheit, von Zweifel am guten Willen Gottes, von der Enttäuschung.

In meiner damaligen Verfassung hat es mir einfach nur gut getan, weil ich mich selbst wahrscheinlich nie getraut hätte, so mit Gott umzugehen. Aber das war Gottes Wort. Das hatte er autorisiert! Das war über die Jahrhunderte in einem mühsamen und seltsamen Prozess zum gemeinsamen Zeugnis von jüdischem und christlichem Glauben geworden!

Warum hast du mich verstoßen, Herr? Warum verbirgst du dich vor mir? Solange ich denken kann, bin ich gequält und dem Tode nah. Du erschreckst mich mit immer neuen Plagen, sodass ich fast an dir irrewerde. Dein Zorn ist über mich gekommen wie ein Feuersturm, deine furchtbaren Angriffe zerschlagen mich. Sie bedrohen mich von allen Seiten, täglich dringen sie auf mich ein wie tödliche Fluten. Freunde und Nachbarn hast du mir entfremdet; mein einziger Begleiter ist die Finsternis (Verse 15-19).

Gott selbst muss es sein, der mir das angetan hat. Und die Botschaft an Gott ist klar: „Ich habe mehr als genug gelitten“ (Vers 4).

Gottes Größe

Heute staune ich darüber, dass Gott sich das leistet und sehe es als ein weiteres Zeichen seiner Größe an. Er muss nicht ausschließlich in endlosen Lobliedern besungen werden. Er ist im Leid der Menschen. Er hat damals nicht nur meine Worte und Empfindungen ertragen und gehört. Lange bevor ich wusste wie ich mich ausdrücken kann, hat er meine Worte schon zu seinem Wort gemacht gehabt.

Das fasziniert mich. Und ich hoffe, dass viele andere diese Größe Gottes entdecken. Er wird nicht klein gemacht durch unsere „Angriffe“. Er hilft uns dabei. Denn er wünscht sich unsere Liebe und Zuwendung. Er will nicht, dass wir uns verkriechen müssen, wenn wir „schlechte“ Gefühle haben. Er möchte, dass wir bei ihm bleiben. Unsere Klagen sollen „An-Klagen“ werden, die sich an jemand wenden und damit von uns weg kommen.

Er hält das aus. Er hält mich aus. Er ist groß genug.

Gott sei Dank, der mich in meiner Verzweiflung damals nicht allein gelassen hat, sondern mir Worte gegeben hat. Für mich ist aus der An-Klage wieder An-Betung geworden. Vielleicht war das eine immer schon im anderen!

Stellvertretend Schuld anderer auf mich nehmen?

  • Hat Jesus das ein für alle Mal getan und deshalb ist es „nicht mein Job“?
  • Oder ist es als Nachfolger von Jesus gerade mein Job, weil ich das tun werde, was er getan hat?

Wie gehe ich mit der Schuld anderer überhaupt um?

  • Stelle ich mich über sie und richte (ihr Bösen, die ihr das Flüchtlingselend zulasst)?
  • Stelle ich mich neben sie (wir Bösen, die wir das Flüchtlingselend zulassen)?
  • Stelle ich mich an die Seite von Jesus und nehme seinen Platz/seine Sicht ein (ich, der ich gewiss bin, dass Gott Schuld vergibt, trage und nehme auf mich…)?

Lässt sich das überhaupt trennen? Was würde es bedeuten, wenn ich für die Schuld anderer geradestehe (also für die Folgen des Fehlverhaltens aufkomme)?

Verwirrt und angesprochen nach der Lektüre von Jesaja 53, dem ach so vertrauten Text vom leidenden Gottes-Diener.

Ezechiel ist ein seltsamer Prophet. Kein Wunder, dass er gern übersehen wird von den „Leiterschafts-An-Leitern“, die sich schnelle Wirkungen erhoffen. Er ist kein Macher. Er ist ein Mahner. Ob er sich das herausgesucht hat? Ganz sicher nicht. Es war sein Auftrag, das zu sein.

Ein seltsamer Prophet

Ezechiel (Hesekiel) ist ein seltsamer Prophet. Seit ein paar Wochen lese ich das sperrige Prophetenbuch für mich in meiner „Qualitätszeit“ mit Gott. Und ich staune. Zuerst dachte ich: „Was für ein komischer Impuls, dieses Buch zu lesen. Es hat so gar nichts mit mir zu tun.“

Je länger ich lese, desto mehr merke ich, dass nicht die äußeren Umstände und auch nicht exegetische Auffälligkeiten der Grund sind, warum ich das lese. Ich spüre es mehr als ich es belegen könnte: Ezechiel ist ein besonderer Prophet, weil es bei ihm nicht um die Wirkung geht, die er erzielt. Seine Aktionen sind zwar anschaulich, aber langwierig. Mehr als ein Jahr muss er einfach nur „herumliegen“! Was für ein „prima Auftrag“, was für ein „kraftvolles Werkzeug“ er doch ist in der Hand Gottes. Seine Anklagen sind nicht originell. Die Menschen, die er meint, sind weit weg und wenig an ihm und seinen Aussagen interessiert.

Kein Wunder, dass er selten von den aktuellen Leiterschafts-An-Leitern als Vorbild eingesetzt wird. Und doch ist er dabei, genau das für mich zu werden, ein Vorbild.

Wahrheit, nicht Wirkung

Es geht um die Wahrheit, nicht um die Wirkung. Es geht um den Auftrag, nicht um den Erfolg. Das hat Ezechiel mit Jeremia gemeinsam. Und mit Jesus.

Allen, die auf den Erfolg schielen und sich am Erfolg anderer orientieren, möchte ich am liebsten zurufen: „Hört auf damit“. Einfach machen, was Gott will! Nicht selbst der Macher sein. Nicht selbst bestimmen, dass alles einen Sinn und eine Wirkung haben muss (die wir auch sehen und begreifen können). Das möchte ich am liebsten allen zurufen.

Aber zuerst gibt es wohl noch einiges für mich selbst zu lernen. Ezechiel ist mit mir noch nicht durch.

Diese Zeitungsandacht erschien am 8. Mai im Metzinger/Uracher Volksblatt (Südwestpresse) – der gleiche Gedanke wurde in anderer Form am 9. Mai auf SWR 1 gesendet.(c) David Andreas Roth, Veröffentlichung nur nach Rücksprache mit dem Autor

Ich finde: Wenn es einen Tag im Jahr gibt, an dem einem die Last von den Schultern genommen wird, dann ist es Himmelfahrt! Wir Christen glauben, dass Jesus „aufgefahren“ ist „in den Himmel, dort sitzt er zur Rechten des Vaters“. Darum geht es am Himmelfahrtstag.

Wenn Jesus Christus aber „da oben“ sitzt, dann hat er den Überblick. Und mir „hier unten“ ist die Last von den Schultern genommen, die ich oft fühle. Ich bin so oft zwischen Allmachts- und Ohnmachtsgefühlen hin- und hergerissen. Mir ist als müsste (und könnte) ich „den Überblick haben“ – und dann spüre ich natürlich, dass ich eigentlich recht wenig verstehen und noch weniger beeinflussen kann. Ohnmacht breitet sich aus.

Himmelfahrt, das bedeutet: Es reicht, wenn ich in meinem persönlichen Verantwortungsbereich versuche, das Richtige zu tun. Richten wird’s ein anderer, der den Überblick wirklich hat. So verstehe ich es, wenn es im Glaubensbekenntnis weiter heißt „von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“: Er wird’s richten. Jesus Christus selbst hat den Überblick, er wird’s richten.

Mich entlastet das und vielleicht ist es auch für Sie ein tröstlicher Gedanke, dass nicht wir Menschen den Überblick haben müssen über alles. Wir müssen’s nicht richten. Er wird’s richten. Es reicht, wenn wir versuchen in dem, was wir vor Augen haben, das Richtige zu tun.

Himmelfahrt ist der Tag, an dem mir Gott die Last von den Schultern nimmt.

Für den Sich-anpassenden Leitenden-Typ ist Leitung ein täglicher Kampf, so sagt Walker.

Für den Front-Stager
bedeutet Leitung, immer zu schauen, was gerade angesagt ist. Er prüft, aus welcher Richtung der Wind kommt und versucht ihn dafür zu nutzen, in der Gemeinschaft zu bleiben, populär und wahrgenommen.

Eigentlich ist es kein Leiten, sondern ein Folgen, das der Front-Stager praktiziert. Er integriert sich, er ordnet sich ein, er hält die Leute bei der Stange. Das kann dahin führen, dass er Gruppen gegeneinander ausspielt, nur die halbe Wahrheit sagt, weil die ganze Wahrheit unbequem wäre. Er zögert, wenn es darum geht Tyrannen zu konfrontieren oder Konflikte zügig zu lösen, indem man die Dinge beim Namen nennt. Er kaschiert Risse in den Beziehungen, während sie unter dieser Tarnung zu Brüchen werden.

Das ist verbunden mit sehr viel Arbeit. Der Sich-Anpassende als Front-Stager ist immer damit beschäftigt, seine eigene Existenz (auch vor sich selbst) zu rechtfertigen und seinen Wert deutlich zu machen.

Der Back-Stagerzeigt dieses Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe nicht. Er wirklt auf seiner Vorder-Bühne sehr kontrolliert, sicher und selbstbewusst. Während sie alles tun und alles richtig tun, was die Organisation braucht, treiben sie sich selbst immer weiter voran in diesem Bild, das weit weg ist von ihrer wirklichen Persönlichkeit.

Schließlich sind sie ausgelaugt, ausgepresst geradezu, während die Organisation immer noch mehr von ihnen will. Sie sind in einer ausweglosen Situation: Mehr können sie nicht mehr geben, aber das können sie nicht zeigen, denn sie glauben nicht daran, für das geliebt zu werden, was sie sind.

Sie leisten und dienen, um etwas zurückzubekommen. Sie erhoffen sich Dank und Anerkennung und fühlen sich zurückgewiesen, wenn diese ausbleiben. Das kann zu unerwarteten emotionalen Ausbrüchen führen oder zu Angst- und Panik- oder Neidattacken. Es kann sich körperlich zeigen. Auf Dauer wird der Back-Stage-Sich-Anpassende in der einen oder anderen Form gesundheitliche Folgen tragen – und das wird sich auf seine Vorder-Bühne auswirken, also genau da, wo er es am meisten fürchtet.

Ein biblisches BildIn der Bibel gibt es eine Erzählung, so Walker, die genau diesen Typus beschreibt. Im Bericht eines Besuches von Jesus (Lukas 10,38ff) bei den Schwestern Maria und Marta ist Marta die, die sich anpasst. Sie werkelt und tut und versucht es allen bequem zu machen, bis es ihr zu viel wird, sie ihre Schwester angreift und lautstark von Jesus Unterstützung einfordert.

Überraschenderweise wird Marta eingeladen, zu entdecken, dass Geben nicht immer besser ist als Nehmen. Tatsächlich ist Nehmen für die Sich-Anpassende die größere Herausforderung! Es beinhaltet, in der Schuld eines anderen zu stehen und demütig den Dienst eines anderen anzunehmen. Es nimmt einem die Kontrolle und erlaubt einem anderen, einen zu lieben und damit Macht über einen zu haben.

In einer Organisation ist die Fähigkeit der Leitenden, zu nehmen, anzunehmen und zu empfangen ein sichtbares Zeichen für Vertrauen und Gesundheit. Gibt es diese Fähigkeit nicht, werden sie die Menschen dahin leiten, ihre eigenen unerfüllten Bedürfnisse zu bedienen.

Ich persönlich glaube, dass dieser Typ unter den ehrenamtlich Leitenden in freikirchlichen Gemeinde am häufigsten vorkommt. Meist als Back-Stager. Das bedeutet ein unglaubliches Potential für die Gemeinden, aber es ist auch ein Teil der Erklärung dafür, warum in so vielen Gemeinden „ganz plötzlich“ Streit aufbricht und „die Hölle los ist“. Obwohl man doch jahrelang nichts gemerkt hat…

Wenn du zum Sich-anpassenden-Leiterschafts-Typ gehörst, dann bist du im besten Fall jemand, der um sich herum eine Atmosphäre von Geborgenheit und Wärme verbreitet. Du gehst den Einzelnen nach, fragst nach den Bedürfnissen aller. Du arbeitest hart daran, dass alle zu ihrem Recht kommen und niemand auf der Strecke bleibt.

Front-Stage – Sich Anpassende
Es geht dir darum, wahrgenommen zu werden. Das kann so weit gehen, dass du überhaupt nur weißt, wer du bist, wenn andere dir sagen, wer du bist. Du brauchst es, zu einer Gemeinschaft zu gehören, ein großes Ziel mit anderen zu verfolgen, damit du dich selbst fühlst und weißt, dass du einen Wert hast.

Deshalb versuchst du auch zu vermeiden, dass die Gemeinschaft auseinanderfällt. Du bit so etwas wie der Klebstoff der Gemeinschaft. Du hast einen Blick für die anderen, vor allem für die, die übersehen werden könnten. Deine Angst ist es, aus der Gruppe zu fliegen, deshalb sorgst du dafür, dass nie jemand aus der Gruppe fliegt.

Wenn du nicht so sehr „seelsorglich“ den Menschen nachgehst, dann bist du wahrscheinlich eine von den Personen, die Probleme löst. Manches Mal bringst du sogar erst die Probleme auf. Wenn es keine Schwierigkeiten zu geben scheint, dann bist du es, die ergänzt, was an Schwierigkeiten kommen könnte – und natürlich bietet es sich an, dass du dich diesem Problem auch widmest. Manches Mal machst du dabei vielleicht aus einer Mücke einen Elefanten – aber du bist gefragt und stehst im Zentrum; also dort, wo du spüren kannst, dass du einen Wert hast.

Es kann sein, dass es dabei eine Schattenseite gibt, nämlich, dass du vergleichsweise krasse Mittel anwenden musst, deine Gefühle in Ausbrüchen oder sehr drastisch zeigen musst, damit auch wirklich jede und jeder hinschaut. Walker spricht in diesem Zusammenhang von „emotionaler Inkontinenz“, kein schöner Ausdruck, aber er zeigt deutlich, was gemeint ist: Selbst wenn du wolltest, du könntest deine Gefühle nicht bei dir behalten…

Back-Stage Sich-Anpasser
Wenn die Für-Sorge, das Kümmern und Probleme-Lösen bis zur emotionalen Inkontinenz führen können, so bist du als Backstage-sich-Anpassende eher ein Mensch, der an emotionaler Verstopfung leidet.

Die eigenen Gefühle auszudrücken ist einfach zu gefährlich für dich. Du fühlst dich verantwortlich dafür, dass Beziehungen nicht zerbrechen und entlastest andere von ihrer Verantwortung für das Gemeinsame, ja, von der Verantwortung für ihr Handeln. Das führt dazu, dass du dich mit der Zeit ausgelaugt fühlen kannst. Es fällt dir schwer, „Nein“ zu sagen, du lässt dich lieber beschuldigen und kämpfst nicht gerne für dein Recht. Du bist pflichtbewusst, verantwortlich für fast alles und bringst Verständnis für jede und jeden auf.

Damit, so führt Walker aus, passt du perfekt in eine bestimmte Vorstellung von christlichem Leben: Demütig, Diener aller, der den Wert der anderen immer über den eigenen erhebt.

Wenn du nicht aufpasst, wird das Leben als Christin zur täglichen Belastung, zur Pflichterfüllung einer übergroßen Verantwortung, zusätzlich belastet mit ständigem Schuldgefühl, weil ER so viel für dich getan hat. Wenn der Tod von Jesus so verstanden wird, wird das Leben in seiner Nachfolge zu einer anderen Art der Sklaverei.

Es ist schon länger her, dass ich meine Fortschritte im Buch „The Undefended Leader“ dokumentiert habe. Aber das Buch lohnt – immer noch. Ich mache Fortsetzung mit dem vierten, noch fehlenden Leiterschafts-Typ.

„The Adapting Leadership Ego“ nennt Simon Walker den vierten Typ. Ich habe versucht das zu übersetzen mit „Der sich anpassende Leiterschaftstyp“. Seine Gefährdungen sind Ängstlichkeit und Über-Verantwortlichkeit.

Beziehungen sind zerbrechlich und unsicher…

das könnte die innere Formel sein, der das Sich-anpassende Leiterschafts-Ich folgt. Beziehungen können aus unterschiedlichen Gründen als zerbrechlich erlebt werden, so führt Walker aus.

Solche Menschen haben als Kinder zum Beispiel erlebt, dass die Bezugspersonen einfach „nicht da“ waren. Jedenfalls nicht für einen selbst – immer bei der Arbeit, immer bei den eigenen Problemen, immer mit den anderen Familienangehörigen beschäftigt. Also passt „man“ sich an: Man macht auf sich aufmerksam mit Mitteln, die funktionieren: Gefühlsausbrüche oder ein guter Blick für die Dinge, die im Haushalt erledigt werden müssen. Was, das ist eigentlich egal. Hauptsache es funktioniert und sie werden nicht zurückgewiesen. Der Aufwand dafür kann hoch sein, denn es muss ständig daran gearbeitet werden, dass die Beziehung nicht wieder bricht oder unterbrochen wird.

Ein anders Setting für die Entwicklung dieses Typs von „Ich“ ist die Erfahrung, dass erwachsene Bezugspersonen schon völlig abgefüllt sind mit ihren eigenen Gefühlen. So werden die Gefühle der eigenen Person unterdrückt, zurückgehalten. Sie haben keinen Anlaufort für ihre eigenen Gefühle. Sie passen sich an und tragen selbst Sorge dafür, dass die Beziehung nicht belastet oder gar unterbrochen wird durch die eigenen Bedürfnisse.

Ein drittes Setting für die Entstehung des „Sich-Anpassenden“ ist ungewöhnlicher, aber die Zusammenhänge leuchten ein. Ein Kind, das nie erlebt hat, dass es Streit gibt, dass man laut wird und sich später wieder verträgt –  so ein Kind weiß nicht, was passieren würde, wenn es einmal zu einem Streit käme. Die Beziehungen sind also verdeckt unsicher, zerbrechlich! Eben weil sie „immer gut“ sind. Das Kind muss sich daran anpassen und es muss auch von seiner Seite aus „immer alles gut“ sein.Dabei erlebt sich das Kind selbst als den eigentlich unsicheren Faktor: Die anderen sind ja immer ausgeglichen, nur in sich fühlt das Kind immer wieder Widerspruch und Schwierigkeiten. Es vertraut also den anderen mehr als sich selbst.

Hier liegen die Grundlagen für ganz besondere und herausragende Menschen, die sich selbst verleugnen können, um anderen zu helfen; Menschen, die bereit sind, Beziehungen zu kitten und auch einmal Fünfe grade sein zu lassen; Menschen, die christliche Tugenden verinnerlicht haben.Oder scheinen sie nur so? Schützen sie nicht letztlich sich selbst vor der Enttäuschung, dass auch gute Beziehungen zerbrechen, dass auch die anderen „nur“ Menschen sind? Oder ist es womöglich beides?

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