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Gehören Sie auch zu den Menschen, die sich mit dem Glauben einfach schwertun? Ein Beitrag in der Südwestpresse – Metzinger Volksblatt / Alb Bote am 11. Januar 2020

Gehören Sie auch zu den Menschen, die sich mit dem Glauben einfach schwertun? Das kann ja Gründe haben, ganz unterschiedliche Gründe. Es gibt aber auch Menschen, die sich mit dem Glauben „an sich“ und ohne besondere Gründe schwertun. Zu viel Gefühl, zu wenig Kontrolle. Zu viel „Gedöns“, mystisch-mythisches Gewaber, zu viel Gerede und Text und zu wenig Realitätssinn.

Der Soziologe Max Weber und der Philosoph Jürgen Habermas haben sich selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet. Wie bei der Musikalität waren sie der Meinung, man müsse eine „Begabung“ dafür haben, religiös zu sein, sich dem Gottvertrauen zu öffnen.

Es wundert sicher niemand, wenn ich sage: Das stimmt nicht. Nach meiner Erfahrung gibt es unendlich viele Möglichkeiten, den eigenen Glauben zu leben. Übrigens sogar in der Kirche, auch wenn das vielleicht im ersten Moment gar nicht so „religiös“ aussieht. In praktisch-pragmatischer Hilfeleistung, mit einer Spende, durch einen Baueinsatz oder die Vermietung einer Wohnung an Menschen, die sonst vielleicht keine bekämen, im Ferientagheim, beim Maultaschenessen oder bei Metzingen chauffiert…

In einem Kinderlied, das ich sehr mag, heißt es: Wer nicht singen kann, der summt halt, wer nicht summen kann, der brummt halt, wer nicht brummen kann, der klatscht halt. HAUPTSACHE, DU BIST DABEI!

Die Jahreslosung 2020 führt mitten hinein in das Feld von Glaube, Zweifel, Selbstzweifel, Unglaube und: Nächstenliebe. Im ohnmächtigen Versuch, einem anderen zur Seite zu stehen, wird der Glaube vielleicht am meisten herausgefordert. Eine Predigt zum Jahresanfang.

Lesezeit: mindestens 20 Minuten

Ich glaube – hilf meinem Unglauben

Markus 9,24 – Jahreslosung 2020

Das ganze Kapitel 9 des Markusevangeliums ist eine einzige Berg- und Talfahrt des Glaubens. Da ist Jesus, da sind seine Jünger, die von ihm Vollmacht bekommen haben, das zu tun, was er auch tut. Da sind die drei, die mit ihm auf einen Berg gehen, fast eine Woche lang und dort mystische Erfahrungen machen. Sie sehen Elia und Mose, hören die Stimme Gottes in nie gekannter Klarheit. Gott sagt: Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören!

Diese drei können mit Jesus nicht nur über seinen Tod, sondern vor allem über die Auferstehung sprechen. Und dann kommen sie wieder unten an und das ist dann auch „unten“.

Mitten hinein in einen Streit zwischen den Jüngern, die nicht mit auf dem Berg waren, und einigen Schriftgelehrten, also in der jüdischen Tradition sehr gut unterrichteten Menschen, kommen sie! Es geht darum, dass die Jünger versagt haben, während Jesus mit den anderen Jüngern in geistlichen Höhen unterwegs war.

In diesen Tagen ist in Augsburg die „MEHR“-Konferenz. 12.000 Menschen sind dort jetzt gerade. In Stuttgart ist die Jugendmissionskonferenz, 5000 Menschen werden dort erwartet. Über 10.000 Menschen sind auf dem Leitungskongress von Willow Creek Ende Februar in Karlsruhe und 15 Übertragungsorten in Deutschland sein. Während dort geistliche Höhenflüge erlebt werden, während die Menschen in Anbetung und Konzentration auf Gott gestärkt werden, findet andernorts das ganz normale, angefochtene Leben statt.

Nichts Neues. Die Jünger haben damals genau das erlebt. Und dann kommen die, die auf der Konferenz in himmlischen Höhen, auf den Bergen des Glaubens waren, zurück – und haben für alle gute Tipps…

Doch so ist es nicht. Jesus fragt nach: Was ist hier los? Er hat nicht gleich Tipps, er fragt, was los ist, und es beginnt etwas, das uns tief in eine Wahrheit des Glaubens hineinführt, die der katholische Theologe Karl Rahner einmal so ausgedrückt hat:

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.

Karl Rahner

Ich hole deshalb so weit aus, weil Markus es in seinem Evangelium so macht. Und weil ich den „erbaulichen“ Teil bereits am Neujahrstag gepredigt habe, nehme ich die Gelegenheit wahr und gehe etwas tiefer. Denn es werden nun zwei Geschichten erzählt. Die eine ist die Geschichte eines verzweifelten Vaters, der nicht lockerlässt. Und die andere ist die Geschichte der Jünger, die voller Vertrauen, voller Glauben, helfen wollen. Und dabei scheitern.

Der verzweifelte Vater

Schauen wir uns zuerst den verzweifelten Vater an. Warum? Weil Jesus das auch zuerst tut. Die Jahreslosung hat – so losgelöst sie dasteht – eine Gefahr in sich: Sie suggeriert, dass es um „meinen Glauben“ geht, dass es darum geht, ob ich stark bin, fest, immer überzeugt und voller Hoffnung.

Aber:

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes aushalten.

Und glauben bedeutet in dieser Episode aus dem Leben der Jünger mit Jesus, dass sie sich mit ihrem Glauben für jemand anderen einsetzen. Die großen Erlebnisse des Glaubens mögen aus der Stille und aus dem Gebet, aus der Zweisamkeit mit Gott kommen. Doch sie ereignen sich nicht dort, sondern da, wo der Glaube zur Tat der Liebe wird, zur Barmherzigkeit.

Es zählt der vertrauende Glaube, der sich in tätiger Liebe zeigt.

Galater 5,6

Hintergrund des Streitgespräches zwischen den Schriftgelehrten und den Jüngern ist, dass sie jemandem nicht helfen konnten. Dieser Vater ist zu ihnen gekommen, weil auch er nicht für sich selbst, sondern für einen anderen, für seinen Sohn nämlich, geglaubt hat.

Alles hat er durch, nun kommt er zu den Jüngern. Anscheinend können die ja auch was. Jesus ist nicht vor Ort, doch sie trauen es sich zu, beten für den Jungen, der von einem bösen Geist besessen ist.

Sie beten – und nichts passiert. Der Junge hat dieselben Probleme wie zuvor. Und die Schriftgelehrten haben einen Grund, den Jüngern vorzuwerfen, sie würden hier irgendwelchen Hirngespinsten nachgehen, einem Irrglauben, dass man so jemanden heilen könne!

Jesus fragt nach. Die Jünger sagen ihm, dass sie gescheitert sind. Und er? Er hält sich nicht damit auf, sondern fragt den Vater, warum er gekommen ist. Und der wiederholt – wie oft hat er das wohl schon erzählt? – dass sein Sohn von einem bösen Geist heimgesucht wird.

So ist die Diagnose – immer wieder hat der Junge Anfälle, wälzt sich dann, hat Schaum vor dem Mund. Er hat keine Kontrolle mehr über sich, ist bei seinen Anfällen auch schon in offenes Feuer oder ins Wasser gestürzt, als würde er dorthin gezerrt. Auch jetzt, als der Geist Jesus sieht, geht es wieder los. Und der Mann, der Vater, er hat doch auf Jesus gesetzt, hat ihm vertraut, in Form seiner Anhänger, hat ihnen seinen Sohn anvertraut.

Und Jesus bleibt bei ihm, hört zu, fragt nach: Wie lange hat er das schon? Der Vater erklärt: Von klein auf schon!

„Hab doch Erbarmen mit uns und hilf uns, wenn du kannst!“, so sagt der Vater. „Wer auf Gott vertraut, dem ist alles möglich“,

„Wer auf Gott vertraut, kann alles!“

– das ist die Antwort von Jesus. Im Ernst! Und er provoziert damit den Satz, der unsere Jahreslosung 2020 geworden ist:

Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!

Was macht der Vater denn die ganze Zeit? Er hat doch vertraut, er hat doch geglaubt, er hat doch alles, wirklich alles probiert. Er hat seinen Jungen nicht aufgegeben, er hat ihn hierher gebracht!

Das ist das, was am schwersten auszuhalten ist: Wenn es nicht um uns selbst geht, wenn wir nicht für uns selbst, wenn wir für einen anderen, einen geliebten Menschen hoffen, beten, kämpfen. Wenn wir in die Kirche gehen, in Gottesdienste, in Gebetsversammlungen und Hauskreise, auf Konferenzen und Tagungen, wenn wir täglich beten für jemanden – und wir spüren nichts als Ohnmacht.

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes aushalten.

Der Vater glaubt doch! Und gleichzeitig kann er ja nicht so tun, als wäre da kein Zweifel, als wäre da nicht die Frage, warum bis jetzt immer noch nichts geschehen ist, nichts besser geworden ist. Das ist nicht die theoretische Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Es geht auch nicht darum, warum Gott den Krieg in Afghanistan nicht beendet. Das sind Gedankenspielchen und oftmals arrogante, weltfremde und sogar zynische Spielchen. Überheblichkeit, die davon ausgeht, dass man selbst Gott überlegen ist und ihm sagen könnte, was er zu tun hat.

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.

Der Vater leidet! Er ist ohnmächtig, abhängig, fragt sich, wie sein Glaube noch stärker sein könnte, wie er fester sein könnte und ob er dann nicht mehr ohnmächtig, sondern mächtig wäre, ob er dann also etwas „kann“. „Wer Gott vertraut kann alles“, so war das doch!

Aber bevor noch der Selbstzweifel, denn um den geht es hier viel stärker als um den Gotteszweifel, bevor noch der Selbstzweifel obsiegt, greift Jesus ein. Er zeigt, dass genau das der Glaube ist, der die eigene Situation so realistisch einschätzt. Nicht die Glaubensstärke, sondern das Aushalten im Vertrauen führt zum Handeln von Jesus.

Der handelt nun schnell – es kommen immer mehr Menschen zusammen. Wer sich darüber wundert, wenn er die Geschichte liest: Das ist so ein „Markus-Ding“. Im Markusevangelium wird immer wieder betont, dass Jesus nicht zu viel Aufhebens um seine Person und um die Wunder machen möchte.

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes aushalten.

Er handelt nun also schnell. Es wird noch einmal sehr dramatisch. Der Junge bäumt sich in einem letzten Anfall auf, zuckt, bleibt dann liegen und einige vermuten sofort, dass er jetzt gestorben ist. Doch Jesus nimmt seine Hand und hilft ihm auf die Beine. Es ist geschafft, er ist befreit, geheilt.

Die Jünger

Die Jünger haben den Satz von Jesus auch gehört:

Wer Gott vertraut, kann alles.

Sie konnten es nicht. Und das nagt an ihren Seelen, an ihrem Selbstverständnis. Sie glauben doch! Sie haben für Jesus ihr ganzes Leben umgekrempelt. Sie haben mit ihm und in seinem Auftrag schon so erstaunliche Dinge getan, ja, auch Geister ausgetrieben und Krankheiten geheilt!

Das ganze Erlebnis lässt auch sie an ihrem Glauben, an sich zweifeln.

„Warum konnten wir den bösen Geist nicht austreiben?“ – so fragen sie sich. Und so entsteht ein schlechter Zweifel. Wenn wir uns fragen. Wenn wir in uns fragen. Wenn wir den Grund und die Antworten in uns suchen.

Die Jünger machen es besser. Sie sprechen mit Jesus. Als sie wieder im Haus sind, daheim, in Ruhe, mit ihm allein sind, da fragen sie ihn.

Wisst ihr, wie man das nennt, wenn man mit Jesus spricht? Man nennt es „Beten“. Sie sprechen mit Jesus und sie fragen: „Warum konnten wir den bösen Geist nicht austreiben?“ Das ist ein guter Zweifel.

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes aushalten.

Aber es bedeutet nicht, mit dieser Unbegreiflichkeit allein zu sein. Ob wir uns selbst in Zweifel ziehen, ob wir Gottes Liebe in Zweifel ziehen, ob wir in Zweifel gezogen werden von denen, die uns argwöhnisch beäugen oder ob wir in Zweifeln untergehen, verzweifeln, weil es einfach denen so schlecht geht, denen wir das Beste wünschen: Wir sind nicht allein damit.

Jesus hat eine erstaunliche Antwort für die Jünger: „Nur durch Gebet können solche Geister ausgetrieben werden“. Was ist das für eine Antwort?

Es bedeutet: Auch beim nächsten Mal werden sie es nicht „können“. Woher sollen sie je wissen, ob es „solche Geister“ sind oder andere? Wie sollen sie erkennen, was zu tun ist?

Nur, indem sie mit Jesus in Kontakt bleiben. Das ist die Geschichte von uns Jüngerinnen und Jüngern, von denen, die Jesus nachfolgen und glauben, vertrauen. Wir vertrauen darauf, dass Jesus uns losgeschickt hat, dass er uns einen Auftrag gegeben hat, dass er uns Menschen gezeigt hat, die wir lieben und mit denen wir mitleiden, für die wir da sind.

Mitten hinein in die Ohnmacht also hat Gott uns geschickt. Und mitten in dem, was wir im Alltag des Glaubens erleben, sagt er uns: Es ist O.K., wenn du an dir selbst und deiner Glaubensstärke zweifelst. Es ist O.K., wenn du auch an meiner Kraft zweifelst. Es ist normal, wenn du die Ohnmacht spürst.

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.

Aber es bedeutet auch, dass du darin nicht allein bist. Was macht der verzweifelte Vater? Er betet. Ich glaube – ganz selbstbewusst. Hilf meinem Unglauben – ganz realistisch.

Was machen die Jünger? Sie beten. Warum haben wir es nicht können? Und sie bekommen die Antwort: Bleibt mit mir im Kontakt, betet. Anders geht es gar nicht.

Vertraut – mitten im Unglauben. Seid ruhig ein bisschen ungläubig – mitten im Glauben und Hoffen für andere. Hört nur nicht auf, mit mir zu reden. Dieser böse Geist lässt sich nur durch Beten austreiben. Welchen Geist wohl damit gemeint hat? Vielleicht ja den Geist der Allmachtsphantasien und den Geist des Selbstzweifels. Das könnte sein. Der lässt sich nur durch den Kontakt zu Jesus vertreiben.

Amen.

(c) David Andreas Roth, Wiedergabe – auch in Auszügen – nur nach Freigabe durch den Autor.

Am Anfang eines neuen Jahres kann man auf unterschiedliche Art zurück und nach vorne blicken. Wichtige Sätze, markante Worte sind für mich eine Möglichkeit. Ich habe mich gefragt: Was war für mich der Satz des Jahres?

„Man lässt keine Menschen ertrinken, Punkt.“ Das ist für mich der wichtigste Satz des Jahres 2019. Pastorin Sandra Bils hat ihn auf der Abschlussveranstaltung des Kirchentages in Dortmund gesagt. Es kann nicht sein, dass Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken und andere Menschen schauen dabei zu. Natürlich kann man über den richtigen Umgang mit Fluchtursachen und über die Ausgestaltung des Asylrechts streiten. Das kann und das darf man. Aber man lässt keine Menschen ertrinken, Punkt.

So einfach ist das. Der Satz ist keine Theorie, sondern Nächstenliebe, also Menschlichkeit, Punkt. Und der Satz wird zur Tat: Die Evangelische Kirche hat zusammen mit vielen anderen Organisationen alles auf den Weg gebracht, damit voraussichtlich ab Ostern ein weiteres Schiff im Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken rettet. Man lässt keine Menschen ertrinken. Das könnte auch der Satz des Jahres 2020 werden. Punkt.

Ach ja: Sätze kann man viele machen. Was ist Ihr Satz der Nächstenliebe im Jahr 2019 gewesen? Wie kann er 2020 zur Tat werden?

Dieser Beitrag wurde am 4. Januar 2020 im Reutlinger Generalanzeiger (GEA) in der Rubrik „Auf ein Wort“ veröffentlicht. Veröffentlichung – auch in Auszügen – nur nach vorheriger Zustimmung des Autors (c) David Andreas Roth.

Es gibt sie noch, die Hoffnung! Wie gut das ist!

Es gibt sie noch, die Hoffnung! Ich komme auf über 100 Beerdigungen jedes Jahr, weil ich nicht nur als Pastor, sondern auch als Beerdigungsredner Menschen bei Trauerfeiern begleite. Und fast immer sind da Angehörige, Freunde, geliebte Menschen, die auf ein Wiedersehen hoffen. Das Lied „Amoi seg ma uns wieder“ von Andreas Gabalier wird für jede dritte Beerdigung herausgesucht.

Warum? Weil wir die Hoffnung brauchen, dass es auf der anderen Seite des Todes weitergeht. Ich bin so froh, dass diese Hoffnung nicht nur Wunschdenken ist. Seit hunderten von Jahren haben wir eine begründete Hoffnung, dass wir uns wiedersehen, auch wenn wir durch den Tod getrennt wurden.

„Da ist noch niemand zurückgekommen“, sagt man manchmal leichtfertig vor sich hin. Doch das stimmt nicht. Es gibt eine Ausnahme. Jesus ist zurückgekommen aus dem Tod. Und bevor er dann zurückgekehrt ist zu seinem Vater in den Himmel, hat er der Hoffnung auf ein Wiedersehen einen Grund gegeben: „Ich gehe zurück und ich bereite für euch einen Ort vor, an dem ihr wohnen werdet.“ Wenn es einer wissen kann, dann Jesus.

Wer darauf hofft und ihm vertraut, der wird es erleben. Amoi seg ma uns wieder! Es gibt sie, diese Hoffnung.

Dieser Beitrag erschien am 23. November 2019 in der Südwestpresse Metzinger-Uracher Volkslbatt / Alb-Bote. Verwendung – auch in Auszügen – nur nach vorheriger Zustimmung des Autors (c) David Andreas Roth

Poetry-Element der Predigt beim Jugendgottesdienst CrossPoint am 29. September 2019

Bring dich nicht um. Das Leben, das Leben bringt dich nicht um.

Bring dich nicht um, bring dich nicht um das Leben: es ist gar nicht so daneben, es kann dich sogar erheben, das Leben, das da noch kommt. Bring dich nicht um das Leben, weil eben mal etwas nicht glückt, nicht um das Leben, das Streben nach Glück, nimm nicht den Strick, das Messer, das Hochhaus. Nimm dir Zeit, gib dir Zeit. Und es wird Leben geben, weil Gott dir Leben gegeben hat.

Bring dich nicht um, bring dich nicht um das Leben, das Kämpfen und Leiden, den Schmerz. Bring dich nicht um das verbitterte Schluchzen und ein gebrochenes Herz. Bring dich nicht um das alles. Wer sich so das Leben nimmt, nimmt nicht das Leben, sondern nimmt den Tod. Und der Tod ist echt das Letzte.

Und: du nimmst nicht nur dir das Leben weg, sondern denen, die dich lieben, die dir zutrau‘n zu siegen, über Hürden zu fliegen.

Ihr Leben bekommt diesen Schatten, weil sie ahnen, was sie nie hatten, das Leben mit dir, doch du bist weg, dachtest, ihre Liebe hat keinen Zweck, nahmst dir und ihnen das Leben weg.

„Den eignen Tod, den stirbt man nur. Doch mit dem Tod der andern muss man leben.“*

*Ein Zitat von Mascha Kaléko

Bring dich nicht um – das Leben. Das Leben bringt dich nicht um.

Das Leben ist wunderbar und fürchterlich, ist wundersam und widerlich, ist grässlich, hässlich, unzuverlässig, gehässig und stressig. Und: Es ist so geil, weil allgemein und im Detail dein Style der Teil ist, der im Leben eines anderen den Unterschied machen kann, dass er wie bei einem munteren Lied lachen kann. Sei nicht so eingebildet egoistisch, nicht so unrealistisch, als sei dein Leben nicht wichtig.

Dein Leben ist eine Segen. Von Gott gegeben.

Der Tod ist echt das Letzte, was irgendjemand von dir braucht.

Gott mit dir. Lebe!

Bring dich nicht um das Leben. Das Leben bringt dich nicht um.

Sei lieb, sei nett, sei unbequem. Sei dünn, sei fett, sei auch extrem. Sei wie du bist. Dein Leben ist ein Segen. Von Gott gegeben.

Verwendung nur nach vorheriger Freigabe durch den Autor (c) David Andreas Roth

„Warum“ schaut nach hinten, „Wozu“ nach vorn. Das „Wozu“ ist wichtiger, auch wenn beides wichtig ist

Als ich ganz unten war, am Boden zerstört und von Gott verlassen, da hat es mir geholfen, dass Jesus am Kreuz geschrien hat: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Ich habe gespürt, dass Jesus, Gottes Sohn, an meiner Seite ist, wenn ich nur noch diese eine Frage habe: „Warum sehe ich nicht, dass Gott irgendetwas tut?“

Ich brauche ihn doch, wenn alle gegen mich sind. Ich brauche ein Wunder, wenn andere oder ich selbst todkrank werden. Ich brauche Gottes Antwort, ein Zeichen, etwas Eindeutiges, wenn meine Sorgen überhandnehmen.

Aber „Warum“ ist ein schwieriges Wort. Es hat die Macht, mich in die Vergangenheit schauen zu lassen: Warum habe ich nicht früher gesagt, dass ich das nicht will? Warum habe ich mich nicht gesünder ernährt und auf das Rauchen verzichtet? Warum hat der, der mein Freund sein sollte, mir das angetan?

Manchmal hilft die Frage, weil ich eine Antwort finden kann: Ich bin in diese Situation gekommen, weil ich viel zu schnell Erfolg wollte. Ich habe Streit bekommen, weil ich dem anderen meine Meinung aufzwingen wollte. Ich bin krank geworden, weil ich zu wenig auf meinen Körper geachtet habe. Mit solchen Antworten kann ich versuchen, es das nächste Mal besser zu machen.

Oft gibt es aber keine Antworten. Und die Frage nach dem „Warum“ geht ins Leere. Ein Sprachwissenschaftler hat mir einmal erklärt, dass Jesus am Kreuz gar nicht mit diesem Blick nach hinten gefragt hat. Vielmehr habe er die Frage in die Zukunft gewendet, so müsse man übersetzen: „Mein Gott, zu was hast du mich verlassen?“ Zu was: also wozu. Das ist die Frage nach dem Sinn. Das ist die Frage, wie etwas Gutes aus dem Bösen entstehen könnte.

Seitdem ich das gehört habe, frage ich immer noch: „Warum?“. Aber wenn ich zu keinen Antworten komme, ändere ich die Frage und frage: „Wozu?“.

Wozu kann es gut sein, dass ich diese schweren Zeiten durchgemacht habe? – Und ich spüre, dass ich anderen in ähnlichen Situationen Mut machen kann: Die Welt wackelt, aber sie bricht nicht zusammen.

Wozu kann es helfen, wenn ich im Streit bin mit diesem Menschen? – Und ich merke, dass es niemandem hilft und fange an, darüber nachzudenken, wie ich vergeben kann.

Zu was kann es gut sein, dass ich so krank bin? Vielleicht ja, weil Krankheitszeiten besondere Begegnungszeiten mit Gott und dem ewigen Leben sind?

Das „Wozu“ hilft mir. Nicht immer, aber immer wieder.

Dieser Beitrag wurde am 25. September 2019 als SWR4-Abendgedanke gesendet. Veröffentlichung, auch in Auszügen, nur nach vorheriger Freigabe durch den Autor (c) David Andreas Roth.

Großeltern sind wie Eltern – nur mit Goldrand. Ein Beitrag in den SWR4 Abendgedanken

Ein schwarzhaariges Mädchen klettert auf dem Freigelände der Bundesgartenschau die Kletterwand hoch. Die Kleine ist etwa 7 Jahre alt. Gesichert mit einem Seil macht sie die ersten mutigen Griffe, zieht sich nach oben, sichert, greift neu – und ist schon etwa 4 Meter weit oben. Unten stehen zwei Fans von ihr, die ganz außer Rand und Band sind: „Anna, du machst das!“ – „Nach oben, Anna!“ – „Vorwärts, Anna!“ – ganz offensichtlich die Großeltern von Anna.

Ich finde: Diese Großeltern leben ganz offensichtlich das, was Jesus gemeint hat. Er hat einmal ein Kind in die Mitte seiner Freunde gestellt. „Den Kindern gehört schon jetzt der Himmel, die neue Welt Gottes.“ Zu Unrecht würden die Kleinen nicht ernst genommen, sagt Jesus. Und: „Wer so ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“

Das haben diese Großeltern gemacht. Sie haben ihre Anna offensichtlich lieb. Und sie nehmen sie ernst. Sie unterstützen sie auf ihrem Weg in den Himmel hinauf, ganz nach oben; ganz real: Sie hat es geschafft, strahlt aus gut 10 Meter Höhe auf ihre Großeltern und lässt sich dann am Seil wieder heruntergleiten.

Irgendjemand hat mal gesagt: Großeltern sind wie Eltern, nur mit Goldrand.

Ich glaube da ist was dran. Manche Großeltern sind wie diese. Sie gestalten vor allem die besonderen Momente mit den Enkeln. Ein Ausflug, eine kleine Reise, ein besonderer Tag im Zoo, auf dem Spielplatz oder im Freizeitpark. Sie müssen die Kinder nicht im Alltag erziehen und das verleiht den Tagen mit ihnen diesen Goldrand.

Andere Großeltern nehmen die Enkelkinder auch bei sich daheim auf, die Kleinen sind mit großer Regelmäßigkeit bei ihnen Manchmal ist die Lebenssituation eben so ist wie sie ist. Manchmal geschieht das wirklich „in Gottes Namen“, auch wenn die eigenen Kräfte nicht mehr so groß sind. Großeltern haben diesen Goldrand der Freiwilligkeit und nicht selten auch der Opferbereitschaft.

Doch Großeltern müssen nicht immer etwas tun und etwas unternehmen, sie müssen nicht Geld haben oder lustig sein oder ständig ein offenes Haus für die Enkel haben. Bei Vielen geht das ja gar nicht. Der Goldrand der Großeltern besteht ganz einfach aus Liebe: Ein Gruß, ein Kuss, ein Gebet und ein guter Gedanke. Die Kinder und Heranwachsenden spüren, wenn sie ernst genommen werden. Und wenn Liebe da ist. Dann sind die Großeltern wie Eltern, nur mit Goldrand.

Dieser Beitrag wurde am 23. September 2019 als SWR4 Abendgedanke gesendet. Veröffentlichung – auch in Auszügen – nur nach vorheriger Zustimmung durch den Autor (c) David Andreas Roth
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