Die Darstellung eines Kreuzes, an dem ein Mensch hängt, nennt man „Kruzifix“. Das kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: „Ans Kreuz fixiert“ oder „Ans Kreuz geheftet“.

Ich mag Kruzifixe nicht. Das Kreuz ist ein Folterwerkzeug. Wenn ein Mensch daran hängt und man dabei zusieht, hat das etwas Unanständiges. Das Kruzifix ist die Darstellung von entwürdigender und sicher zum Tode führender Gewalt. In sozialen Netzwerken dürften Kruzifixe eigentlich nicht gezeigt werden.

Das Kreuz für sich und leer ist so viel leichter anzuschauen. Es ist immer noch dasselbe Folterinstrument. Aber ich schaue dem Leid der Welt, der Schuld der Welt, meiner eigenen Schuld, meinem eigenen Tod nicht mehr in die Augen. Ich sehe nicht mehr vor mir, dass der Schöpfer und Herrscher der ganzen Welt gedemütigt und blutend sein Leben für mich gibt.

All das zu sehen ist schwer auszuhalten. Vielleicht mag ich deshalb das leere Kreuz lieber: schön und clean. Ich selbst begründe es natürlich immer damit, dass das leere Kreuz zeigt, dass Jesus auferstanden ist, dass er eben nicht mehr am Kreuz hängt, sondern lebt und wiederkommen wird in Macht und Herrlichkeit. Er wird nicht so zerschlagen, kaputt und einsam sein wie die Kruzifixe das zeigen. Ich kann Karfreitag nicht mehr ohne Ostern denken.

Vielleicht mache ich mir da auch etwas vor. Vielleicht gehe ich der Wahrheit aus dem Weg, dass ein leeres Kreuz missverständlich ist, ein Kruzifix aber nicht. Ohne den, der ans Kreuz genagelt wurde, gibt es auch das leere Kreuz nicht. Ohne ihn gibt es keinen Glauben, gibt es keine Rettung, gibt es keine Hoffnung. Es gibt nicht einmal den, der an meiner Seite ist, wenn ich selbst „fixiert“ bin, wenn ich leide, zerschlagen, kaputt und einsam bin. Nirgends zeigt sich Gottes Liebe mehr als in dieser extremen Situation.

Wir aber verkünden den gekreuzigten Christus als den von Gott versprochenen Retter. Für Juden ist das eine Gotteslästerung, für die anderen barer Unsinn. Aber alle, die von Gott berufen sind, Juden wie Griechen, erfahren in dem gekreuzigten Christus Gottes Kraft und erkennen in ihm Gottes Weisheit.

1.Korinther 1,23-24

In der Nähe von Wurmlingen habe ich das Kruzifix entdeckt, das du hier siehst. Schau es dir einmal an. Was siehst du?


Ich sehe hier die Verbindung zwischen Karfreitag und mir. Ich kann am Karfreitag nicht so tun als wüsste ich nicht, wie die Geschichte weitergeht. Er ist der „Good Friday“, weil am Ende alles mit der Auferstehung endet und damit, dass ich mit dem Tod, vor allem aber mit dieser Auferstehungskraft verbunden bin.

Beides sehe ich in diesem Kruzifix. Das Gesicht des Gekreuzigten zeigt den Schmerz. Ich denke immer, dass es der Moment ist, in dem Jesus fragt: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Es wirkt es aber auch als würde sich Jesus vom Kreuz lösen. Eine Hand ist schon frei. Es wirkt als würde er gleich beide Hände zum Segen ausbreiten. Wenn ich dieses Kruzifix ansehe, dann sehe ich beides: Es wird nicht so bleiben voller Leid und Einsamkeit. Doch dieses Leid und diese Einsamkeit – sie sind auch wahr und sie gehören dazu, wenn wir die ganze Geschichte verstehen wollen, die Gott mit uns hat.

Wenigstens an Karfreitag lohnt es sich, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen: Es gibt keine Auferstehung ohne die Folter und den Tod des Gottessohnes. Ich kenne Gottes Liebe gerade deshalb, weil er auch die dunkelsten Stunden mit mir teilt und nicht weniger als sein Leben gegeben hat für mich.

Die allergrößte Liebe beweist ein Mensch, der sein Leben für seine Freunde ganz hingibt.

Johannes 15,13

Schau dir das Bild einfach noch einmal an…