Der Mensch ist der Sohn, der schon verloren war, kaum dass er geboren war, der sein Erbe verzockt in der Hurenbar. „Ich bin selbst, ich bin eigen und werde es mir und dem Alten schon zeigen. Ich weiß, was mir gut tut!“ Mutflut, heraus aus der Obhut, endet in Wehmut und schließlich in Wermut – menschliches Leergut.
Gott ist tot. Es lebe der Mensch! Aus Eigentum wird Eigentor. Er wollte zu viel, verlor das Spiel, verpasste das Ziel, das Ende des Erben war wie elendes Sterben in Autonomie- und Lebensscherben.

„Der verlorene Sohn“ oder „Die Geschichte von den zwei Söhnen“ – Auf einer Trauerfeier wurde mir schlagartig klar, dass die wunderbare, alte Geschichte von Jesus nicht einfach nur davon erzählt, dass die Lebensgeschichte mancher Menschen eben wie dieser Tod auf Raten ist. In meiner von mir schon häufiger erwähnten Kindheit und Jugend wurde die Entscheidung des jungen Mannes, wieder zu seinem Vater zu gehen, als die Entscheidung, die Bekehrung gefeiert. Doch mir wurde schlagartig klar, dass Jesus zumindest auch vom Sterben selbst erzählt und von dem, was danach kommt.

Nichts verdient, nur bekommen

In der Geschichte, die Jesus erzählt, fordert der jüngere von zwei Söhnen von seinem Vater schon vorab sein Erbe. Es ist nicht wichtig, dass es ein Sohn ist, das braucht Jesus nur für die Geschichte, weil in der Kultur, in der seine Zuhörer damals leben, nur die Söhne erben können. Allerdings müssen die auch zu dieser Zeit warten, bis der „Erblasser“ stirbt. Doch so lange mag der Sohn nicht warten. Er wünschte, sein Vater wäre schon tot. Und er fordert das Erbe schon zu Lebzeiten ein. Damit ist der Vater für ihn gestorben. Er will selbst sein Leben in die Hand nehmen. Was er dann hat, hat er zwar bekommen, aber nicht verdient.

Gott ist tot

Tatsächlich ist das die Haltung von vielen Menschen, Töchter oder Söhne. Sie nehmen zwar das Leben in Empfang, das sie nicht verdient, sondern nur bekommen haben. Doch sie wollen Gott nicht als lebendigen Gott, als einen, mit dem sie eine manchmal anstrengende und herausfordernde Beziehung leben müssen. Sie wollen, dass er weit weg ist und sich nicht einmischt, während sie ihr Leben leben… Der Vater im Himmel ist für sie gestorben. Sie wollen ihr Leben selbst leben.

Es gibt noch einen zweiten Sohn, der erst später in der Geschichte auftaucht. Der Ältere. Für die Zuhörer damals ist klar, dass das die sind, die zum jüdischen Volk gehören, zur Glaubensgemeinschaft der Erwählten. Sie sind „Wissende“, sie sind in der Nähe des Vaters. Auch sie bekommen alles von ihm. Wie sich zeigen wird, nutzen die „religiös Etablierten“, die „Gerechten“ und „Wissenden“ aber ihr Potential, die Nähe Gottes nicht. Und so leben sie zwar mit dem Vater, doch auf eine sehr traurige Weise ist er für sie noch viel mehr tot als für den „jüngeren Sohn“, der in der Geschichte zunächst für die steht, die anderen Göttern folgen, zu anderen Nationen gehören, ohne Gott leben.

Es geht nicht (ewig) ohne Gott

Der jüngere Sohn tut, was man ohne Gott so tut. Er bringt das Geld, also sein Leben, durch. Er verbraucht es, bis nichts mehr da ist. Und am Ende steht er – von seinen „Freunden“ verlassen – allein da. Er muss als Schweinehirt arbeiten und selbst das Futter, das die Schweine bekommen, darf er nicht anrühren.

Dramatisch! Das Ende des Lebens sieht für einige Menschen tatsächlich so aus. Zum Glück nicht für alle. Die meisten in unserem Land sind ja ganz gut versorgt. Und viele müssen auch nicht alles bereuen, was sie getan oder unterlassen haben. Doch die Geschichte ist gut erzählt. Am Ende des Lebens ist verbraucht, was wir zum Leben brauchen. Und gerade die Stärksten empfinden in der Abhängigkeit von anderen (von der Familie, von Pflegenden…) ein Scheitern des gesamten Lebens. Es sind „Tage, die nicht gefallen“. Im Buch „Prediger“ ist das mit schönen Bildern sehr fein beschrieben.

Sterben wollen – egal, was kommt

Der Sohn, so erzählt Jesus, „geht in sich“. Er sagt sich: „Ich will zu meinem Vater gehen“. So wie so viele Menschen am Ende ihres Lebens sagen: „Ich will sterben“. Doch der Sohn will nicht als Sohn zurückkehren, sondern als Knecht. Da geht es ihm immer noch besser als hier: Ohne Kraft zu leben, ohne die Mittel, die er doch einmal im Überfluss hatte. Wie oft ist bei Sterbenden von „Erlösung“ die Rede! Egal, was kommt: Es kann nur besser werden…

Und so macht sich der „verlorene Sohn“ der Geschichte auf seinen letzten Weg, den Weg zurück dorthin, wo er herkommt… Was erwartet ihn? Was erwartet er?

Mit leeren Händen

Er hat sich eine kleine Rede überlegt:

Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.

Diesen Satz will er seinem Vater sagen. Das ist der Grund, warum ich so viele Jahre später noch einmal darüber nachgedacht habe, ob der Sohn (in dem Sinn, den ich aus evangelikalen Kindertagen kannte) eine „Entscheidung“ getroffen hat. Hat er nicht! Denn dann hätte er nicht nur „seine Schuld bekannt“, sondern dies in der festen Zuversicht getan, dass Gott treu und gerecht ist und uns unsere Schuld nicht anrechnet. Er aber geht mit Zittern und Zagen, mit großer Angst, ob er auch nur als Knecht dort arbeiten darf, wo er einmal der Sohn war, zu seinem Vater.

Er kommt mit leeren Händen. Er kommt ohne Dünkel. Er kommt ohne „Anrecht“ auf irgendetwas. Er weiß einfach nur, dass er es nicht wert ist.

Der rennende Vater

Diesem Häufchen Elend, diesem nach Schwein stinkenden „Nicht-Sohn“, rennt der Vater entgegen. Der Orientale der damaligen Zeit rennt n-i-e! Dieser hier rennt, fällt ihm um den Hals und küsst ihn!

Wenn es stimmt, dass es das ist, was uns nach dem Tod erwartet, dann wird es uns alle überraschen. Alle. Auch die Frommen, die Christinnen und Christen, die hier schon mit Gott leben. Denn im Augenblick des Todes wissen wir, dass wir nichts wert sind, dass all unser Entscheiden und Tun keinen Bestand hat vor Gott. Dass wir von uns aus nicht wert sind, seine Kinder zu sein. Wir werden die Reinheit und die Unendlichkeit, die unermessliche Größe und die vernichtende Kraft der Heiligkeit Gottes spüren.

Und in all das hinein die Liebe, die auf uns zueilt, die uns um den Hals fällt, die uns küsst.

Die Einsicht bleibt

Das wäre das Happy End, so könnte man meinen. Ist es aber nicht. Denn der zurückkehrende Mensch ist sich sicher, dass er nicht der heimkommende Sohn ist. Das hat er sich selbst zerstört und so sagt er: JETZT erst und immer noch überzeugt: „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“

Manche machen diese Erfahrung schon einmal zu Lebzeiten. Das ist dann in der Tat so eine Entscheidungssituation. Wir erkennen, dass wir Gott nichts zu bieten haben, dass wir nicht gut umgegangen sind mit uns, mit dem, was uns anvertraut wurde von den Gaben, über den Körper bis hin zur Schöpfung. Wir wenden uns Gott zu, weil wir ahnen, dass es uns bei ihm zumindest besser geht. Und dann spüren wir seine Liebe, aber in uns ist immer noch die klare Erkenntnis, ein Urteil, das wir über uns selbst sprechen müssen: „Ich passe nicht zu dem heiligen Gott. Ich bin nicht wie er.“

Und wir machen die beglückende Erfahrung, dass Gott das ignoriert. Er ist es, der bestimmt, was wir sind, was du und ich sind. Jesus erzählt:

Aber der Vater rief seinen Dienern zu: ›Schnell, holt die besten Kleider für ihn, steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Schuhe!
Holt das Mastkalb und schlachtet es! Wir wollen ein Fest feiern und uns freuen: Denn mein Sohn hier war tot, jetzt lebt er wieder. Er war verloren, jetzt ist er wiedergefunden.‹ Und sie begannen zu feiern.

Lukasevangelium, 15,22-24

Ein Fest – für alle

Ich bin mir sicher, dass auch die, die schon jetzt beginnen, mit Gott zu leben (so wie ich), nicht anders bei Gott ankommen werden als die „großen“ Verbrecher. Der Unterschied zwischen Heiligkeit und dem Leben eines Menschen ist immer: unendlich. Da verschwimmen die Unterschiede.

Und ich erinnere mich an den Gedanken des „Fegefeuers“. In dieser Begegnung nach dem Tod, wenn wir vor Gott stehen, dann ist es uns wieder klar: Wir haben es nicht verdient, bei ihm zu sein. Wir haben keine Leistung vorzuweisen. Aber Gott sagt: Mein Kind hier war tot. Jetzt lebt es wieder. Und das Fest beginnt. Für alle.

Ein sehr ernstes Wort am Ende

Leider ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Es gibt ja noch den zweiten Sohn. Der hat vor lauter Arbeit für den Vater gar nicht mitbekommen, dass das Fest beginnt. Der ist nicht angetan davon, dass der heruntergekommene Bruder mit so viel Freude begrüßt wird. Ohne Bild gesprochen: Er hätte sich gewünscht, dass es eine Hölle und damit Gerechtigkeit gibt.

Ursprünglich ist diese Geschichte erzählt worden, um den Ernst aufzuzeigen für die rechtschaffenen Juden, die sich nicht damit anfreunden konnten, dass die Ungerechten und Versauten, die Menschen aus anderen Religionen und Traditionen einen Zugang zu Gott haben werden durch Jesus. Sie wünschten sich, es wäre nicht so und sie könnten unter sich bleiben – auch im Himmel.

Doch genau die, die die Liebe des Vaters nicht glauben, die stehen am Ende „draußen“, während drinnen gefeiert wird. Der Vater kommt auch dem anderen Sohn entgegen. Der aber bleibt zornig draußen. Oder auch nicht. Das lässt die Geschichte offen.

Zum guten Schluss

Sind meine Fragen beantwortet? Nein. „Weiß“ ich nun alles? Nein. Aber ich habe eine feste Hoffnung. Wenn Jesus wirklich der Sieger über Hölle, Tod und Teufel ist, dann kann ich weder der Hölle, noch dem Tod, noch dem Teufel wieder zum Sieg verhelfen.

Die Lage ist dennoch ernst. Gottes Heiligkeit und mein Leben passen nicht zusammen. Wie gut, dass der Vater im Himmel sich für die Liebe entschieden hat. Und wie gut, dass durch Jesus der Zugang gemacht ist zurück zu kommen. Mit Zittern und Zagen. Und bei jedem Menschen, der ehrlich ist, auch mit dem Bekenntnis: Ich bin es nicht wert.

Meine Hoffnung ist berechtigt und auch wenn ich nicht weiß, bin ich doch gewiss, dass wir dorthin kommen, wo der Vater uns entgegenläuft. Und wenn wir es nicht fassen können und unser Bekenntnis aufsagen, dann hat er nur eine Antwort für uns: Ein Fest. Denn wir waren tot. Und wir bleiben es nicht. Wir leben. Bei ihm.

Zum guten Schluss: Bei Gott, dem Vater.