Im Advent denken die meisten Menschen sofort an Licht und Lichter, an Kerzen und Lichterketten, an erleuchtete Schaufenster oder bunt beleuchtete Fenster, Balkone, Gärten und Plätze. Mit gutem Grund.

Gerade in der dunklen Jahreszeit brauchen wir das Licht. Kein Wunder also, dass schon früh das Weihnachtsfest in diese Zeit gelegt wurde. Die Geburt von Jesus wird am besten in der Zeit gefeiert, in der sich (zumindest bei uns auf der Nordhalbkugel der Erde) die Zeit der langen, kalten Nächte wendet und das Licht sich von Tag zu Tag mehr durchsetzt.

Das muss so sein. So sind wir in Deutschland jetzt schon seit 1.500 Jahren geprägt. Das muss so sein. Gottes Licht kommt zu uns. Er macht unser Leben hell. Er scheint in unsere Dunkelheit.

Ich persönlich freue mich, dass viele der jungen Christinnen und Christen es heute als so selbstverständlich ansehen, dass sie von Gott geliebt sind. Ich kenne noch viel zu viele, die in einer religiösen Prägung aufgewachsen sind, in der zwar gesagt wurde, dass wir geliebt sind – doch es wurde erwartet, dass man sich diese Liebe verdient.

Man konnte sich die Liebe Gottes verdienen durch gutes Verhalten oder durch intensives Gebet. Man konnte sie sich verdienen, wenn man sich in der Bibel gut auskannte und natürlich, indem man sich „für ein Leben mit Jesus“ entschieden hat.

Wie gut, dass heute in den Gemeinden zuerst das Wesentliche gesagt wird: Du bist geliebt!

Wie gut, dass heute zuerst gesagt wird, was von Gott aus wichtig ist. Jesus selbst hat uns gesagt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt. Ich habe euch dazu bestimmt, reiche Frucht zu bringen, Frucht, die Bestand hat.“

Und es ist völlig klar: Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat.

Wie gut, wenn wir uns nicht anstrengen müssen, um von Gott geliebt zu werden! Einer meiner Lehrer am Theologischen Seminar hat gern gesagt:

„Niemand zieht den Rollladen morgens hoch, damit die Sonne scheint. Wir ziehen den Rollladen hoch, weil die Sonne scheint!“

Adolf Pohl

Wenn wir uns also anstrengen: Nicht um Gott zu etwas zu bewegen, sondern weil seine Liebe uns bewegt!

O.K. – so weit, so gut. Und: Alles bestens. Im Advent feiern wir ja dieses Licht der Liebe, das zu uns kommt. Alles bestens, wäre da nicht, ja, wäre da nicht immer wieder auch dieses ungute Empfinden, dass wir Gott ein bisschen klein machen. Es scheint als hätte er keine andere Chance, keine andere Möglichkeit gehabt als sich für die Liebe zu entscheiden. Er konnte gar nicht anders. Der liebe Gott. Wie sollte er anders als uns lieben?

Und genau da wird es verkehrt, ist es verkehrt. Gott ist nicht „determiniert“, festgelegt auf ein bestimmtes Verhalten. Er ist nicht der, der gar nicht anders kann…. Er könnte auch ganz anders. Und unsere Geschichte wäre eine andere. Wenn wir seine Heiligkeit, seine Größe, seine Unabhängigkeit und Freiheit, seine Macht und Fülle nicht achten, dann machen wir für uns aus Gott ein „Göttchen“. Das braucht keiner.

Das ist sogar schädlich. Denn der liebe Gott, der doch gar nicht anders kann als immer nur zu lieben, dieser Gott existiert nur in unserer Fantasie. Er ist eine Projektion. Und aus dieser Projektion kommt zum Beispiel die Frage, wie Gott es zulassen kann, dass Menschen früh sterben, dass andere leiden, dass es eine Pandemie gibt.

Nicht der Gott, der es besser weiß als wir ist das. Das ist der Gott, dem wir sagen, er sei festgelegt darauf, immer nur lieb zu sein. Ein Göttchen, dem wir sagen, wie es sich zu verhalten hat.

Im Buch Hiob gibt es eine schöne Stelle (Kapitel 37), an der ein Freund von Hiob beschreibt,
wie er schon im Wetter die Größe Gottes wahrnimmt:

Hört doch, wie zornig Gottes Stimme klingt, das Grollen, das aus seinem Munde kommt. Man hört es unterm Himmel überall. Sein Blitz erreicht die fernsten Erdengrenzen. Der Donner folgt ihm auf dem Fuße nach, er rollt und dröhnt mit hoheitsvollem Klang. Und wieder zucken Blitze hinterdrein; Gott schickt sie aus, wenn seine Stimme schallt. Wenn diese Stimme spricht, geschehen Wunder, so groß und herrlich, dass wir’s nicht verstehen. Dem Schnee befiehlt er: ›Fall zur Erde nieder!‹ Den Regenwolken sagt er: ›Lasst es schütten!‹ So zwingt er uns, die Hände still zu halten und uns auf seine Arbeit zu besinnen. Sogar das Wild verkriecht sich im Versteck und muss in seinen Höhlen liegen bleiben. Aus seiner Kammer kommt der Wintersturm und mit dem Nordwind kommt der scharfe Frost. Der Atem Gottes lässt das Eis entstehen und macht die Wasserflächen starr wie Stein. Mit Regenwasser füllt er seine Wolken und schickt sie mit den Blitzen übers Land. Sie ziehen hin und her, wie er sie lenkt, um seinen Willen überall zu tun. Gott schickt den Regen, um das Land zu feuchten. Mal schickt er ihn, um Menschen zu bestrafen, ein andermal als Zeichen seiner Güte.

Der letzte Gedanke in dieser Beschreibung gehört in der Tat auch zum Advent und zu der Tatsache, dass wir in der Dunkelheit warten, dass Gott das Licht schickt. Wir selbst können es nicht machen. Und wenn Gott sich anders entschieden hätte, könnten wir „ewig“ warten…Im Jesaja-Buch gibt es einige Ankündigungen, dass der Messias kommen wird. Und sie haben nicht selten mit dem Licht zu tun, das von Gott kommt.

In Jesaja 60 zum Beispiel stehen Sätze, die im Advent ganz häufig zitiert werden:

Auf, werde licht denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht leuchtend der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir. Völker wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz. Blick auf und schau umher: Sie alle versammeln sich und kommen zu dir. Deine Söhne kommen von fern, deine Töchter trägt man auf den Armen herbei. Du wirst es sehen und du wirst strahlen, dein Herz bebt vor Freude und öffnet sich weit. Denn der Reichtum des Meeres strömt dir zu, die Schätze der Völker kommen zu dir.

Wer an das Göttchen glaubt, der freut sich ein wenig und fragt sich zugleich, warum es überhaupt Finsternis gibt. Warum bedeckt „Dunkel die die Völker“? Zum Schluss ist ja dann glücklicherweise doch alles Freude, Licht, „eitel Sonnenschein“. Vorhersehbar? Eher nicht.

Den Advent feiern heißt auch: Wissen, dass es anders hätte kommen können. Dankbar sein dafür, dass Gott sich für die Liebe entschieden hat. Trotzdem. Trotz allem. Für uns.

Ebenfalls im Jesajabuch findet sich dieser Abschnitt:

Ich bin der Herr und sonst niemand; außer mir gibt es keinen Gott.
Ich habe dir den Gürtel angelegt ohne dass du mich kanntest, damit man vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang erkennt, dass es außer mir keinen Gott gibt. Ich bin der Herr und sonst niemand.
Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel,
ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil.
Ich bin der Herr, der das alles vollbringt.

Gott ist kein Göttchen. Manchmal muss man sich das in Erinnerung rufen. Ob Alt oder Jung – wir vergessen so schnell, dass „Gnade“ heißt, dass Gott auch anders handeln könnte. Und dass er sich aus Liebe entschieden hat, es nicht zu tun. Im Advent erinnern wir uns daran, dass wir es nicht bestimmen, wie Gott sich zu verhalten hat. Er bestimmt. Das bringt er auch zum Ausdruck. Jesaja zitiert Gott weiter:

Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen.
Ich, der Herr, will es vollbringen.

Gott hat sich entschieden. Aber nicht, weil er nicht anders konnte, sondern weil er es so wollte. Gott hat sich entschieden, die Welt zu retten. Der, der sie zerstören, der uns vernichten könnte, will Heil, also Rettung und er will Gerechtigkeit. Er vollbringt es auch: Here comes the Sun. Here comes the Son!

Jesus kommt. Jesus rettet. Jesus lebt in dir. Und du bist verbunden – nicht mit einem Göttchen – du bist verbunden mit dem Herrscher der Welt, der dich liebt! Von jeher ist es angekündigt. Schon so lange ist die Entscheidung Gottes bekannt. Er ist für dich und mich und für uns und für das Leben. Das hat er sich etwas kosten lassen. Und davon wird er nicht mehr abweichen.

Aber selbstverständlich. Selbstverständlich ist das selbstverständlich nicht.

Amen.

Diese Predigt wurde als „schriftliche“ Predigt am 4. Advent 2020 bei den Baptisten, Kirche mit offenen Armen, in Metzingen eingebracht. Veröffentlichung, auch in Ausschnitten, bitte nur nach vorheriger Freigabe durch (c) David Andreas Roth