Mein Auge schauet, / was Gott gebauet / zu seinen Ehren / und uns zu lehren, / wie sein Vermögen sei mächtig und groß / und wo die Frommen / dann sollen hinkommen, / wann sie mit Frieden / von hinnen geschieden / aus dieser Erden vergänglichem Schoß.

Paul Gerhardt, der große Choraldichter des 17. Jahrhunderts, freut sich auf den Himmel! Die ganze Natur zeigt, wie wunderschön es einmal bei Gott sein wird. Bei allen Fragen, die ich habe, bei allen Irritationen, wie es für wen und weshalb nach dem Tod weitergehen wird: Ich freu mich auf den Himmel! Es gibt in der Bibel nicht so viele Beschreibungen von dem, was im Himmel einmal sein wird. Die Beschreibungen, die wir haben, sind in hohem Maß davon geprägt, dass die, die schon einmal einen kleinen Blick hineinwerfen durften, völlig überwältigt waren (z.B. in der Offenbarung). Das sind Darstellungen, die viel über das Wesen aussagen, die Durchlässigkeit des Himmels und dass es dort mit Gott Licht und Leben und ein eindeutiges Zentrum für alle gibt… So bleibt viel Platz für die eigene Vorstellung vom Himmel, vom Paradies, von dem Platz, an dem es keine Tränen, kein Leid und keine Gewalt mehr geben wird. Hätte Gott gewollt, dass es nur ein Vorstellung vom Himmel gibt, dann hätte er sie übermittelt. So aber können wir davon ausgehen, dass der Himmel vielgestaltig ist, dass wir dort auf Natur, auf andere Geschöpfe, aber vielleicht auch auf Fußballplätze und Achterbahnen, Heißluftballons und endlose Strände treffen werden…

Das allein in meiner Phantasie als einen unendlich schönen Platz vor Augen zu haben, reicht mir aber für meinen Verstand im Hier und Jetzt nicht aus. Es wird Zeit für eine Kurz-vor-Schluss-Bilanz.

Die Stationen eines Weges

Es war einmal… alles sehr einfach: Wer eine Entscheidung für Jesus oder auch einfach nur gegen die Hölle trifft, der ist gerettet. Wer glaubt, kommt nach oben, wer nicht glaubt, fährt hinab. Viele Bibelstellen können so eingeordnet werden. Es scheint etwas dran zu sein, dass Gott gerecht ist und dass der Gerechte auch Gericht hält. Und in diesem Prozess hat niemand eine Chance, weil niemand perfekt ist außer einem. Was bleibt ist Gnade mit Selbstbeteiligung: Wer sich dafür entscheidet, sich und sein Schicksal an Jesus zu hängen, der unsere Strafe bereits auf sich genommen hat, der hat seinen Teil beigetragen und wird keine Angst vor diesem Gericht mehr haben müssen.

Mit der Zeit habe ich für mich gemerkt, dass es auch andere Bibelstellen gibt, die nicht in dieses Muster passen. Es gibt die Stellen, an denen von einer weltumspannenden Rettung durch Jesus die Rede ist.

Und er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem den Vorrang habe; denn es gefiel der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen und durch ihn alles mit sich zu versöhnen – indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes – durch ihn, sei es, was auf der Erde oder was in den Himmeln ist.

Kolosser 1,18-20

Und dann gibt es aber auch die Gerichtsankündigung, in der es nicht um eine „Entscheidung“ geht, sondern einfach darum, ob man barmherzig und mitmenschlich gelebt hat. Es gibt die beiden großen Zusammenfassungen von „Gesetz und Propheten“, in denen nichts steht von „Jesus annehmen“ oder „Gerettet sein“ als Lebensziel:

Jesus antwortete: »›Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand!‹ Dies ist das größte und wichtigste Gebot.
Aber gleich wichtig ist ein zweites: ›Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!‹
In diesen beiden Geboten ist alles zusammengefasst, was das Gesetz und die Propheten fordern.«

Matthäus 22,37-40

»Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt – das ist es, was das Gesetz und die Propheten fordern.«

Matthäus 7,12

Was wäre, wenn wir gar nicht alle gerettet, sondern alle versöhnt werden? Jesus ist doch der Sieger. Im Theologiestudium bin ich auf Karl Barth gestoßen, der sinngemäß gesagt hat, er müsse vom biblischen Befund her von einer Hölle ausgehen, er habe jedoch die berechtigte Hoffnung, dass diese nicht bevölkert werde. Was wäre, wenn wir nicht nach einer Entscheidung, sondern nach unserem Verhalten gerichtet werden? Auch die, die „Christen“ sind hätten dann vielleicht nichts zu lachen.

Ein reinigendes Feuer muss ich – aus meiner Sicht ‚leider‘ – auch ausschließen, wenn ich auf der Grundlage der Bibel bleiben will. Ich lebe also in der Spannung, dass ich darauf vertrauen kann, dass es eine Auferstehung für uns geben wird. Wir werden uns wiedersehen. Aber ich weiß nicht so recht, ob es einen doppelten Ausgang der ganzen Geschichte geben wird. Vielleicht könnte es sogar einen dreifachen Ausgang geben, wenn denen, die nie etwas von Jesus erfahren haben, so wie ihren Vorgängern noch im Tod von Jesus selbst die guten Nachricht gebracht würde. Da dort drüben die Zeit aufgehoben ist, scheint das zumindest möglich, der Gedanke findet sich in der Doktorarbeit von Simon Kaldewey.

In den letzten Jahren habe ich es einfach offen gelassen, was da auf der anderen Seite so ganz genau kommt. Wenn die Bibel die Spannung aushält, will ich es auch tun. So war meine Haltung. Bis mich eine der großen Erzählungen von Jesus bei einer Beerdigung in all ihrer Kraft getroffen hat, die Erzählung, in der es heißt:

Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden.

Diese Erzählung wird deshalb meine Reihe abschließen.