Wenn am Ende für alle „Willkommen“ steht: Was ist dann mit Stalin und Hitler und Pinochet? Und was ist mit den Opfern der Tyrannen? Sind alle friedlich zusammen? Kommen die Täter schon wieder davon – im Zeichen des liebenden Gottessohns? Und was ist mit mir, mal heilig, mal Täter – was wird aus mir, später? Werd‘ ich für meine Fehler gepeinigt, oder im Feuer von ihnen gereinigt?

Gerettet – aber wie durchs Feuer hindurch?

Ach wäre es schön, ein Fegfeuer zu erwarten nach dem Tod: Die Seele, die Persönlichkeit des Menschen kommt nach dem Tod in einer Art „Zwischenraum“ an, in dem sie geprüft und in dieser Prüfung „gereinigt“ wird. Ob Christ oder Nichtchrist, ob Heiliger oder Übeltäter, wer ankommt, erschrickt, was alles im reinigenden Feuer verbrennt.

Feuer auf dünnem Eis

Für Christen scheint Paulus so etwas im 1.Korintherbrief anzudeuten, auch wenn es da weit weg ist von einer „Lehre“. Vor allem ist es weit weg von einer Lehre über das, was jeden Menschen nach dem Tod erwartet. Er schreibt zunächst, dass es nur eine Grundlage, ein Fundament für das christliche Leben gibt: Jesus Christus. Und jede und jeder baut in seinem Glauben darauf etwas auf, aber:

Wenn aber jemand auf den Grund Gold, Silber, kostbare Steine, Holz, Heu, Stroh baut, so wird das Werk eines jeden offenbar werden, denn der Tag (des Gerichts) wird es klarmachen, weil er in Feuer offenbart wird. Und wie das Werk eines jeden beschaffen ist, das wird das Feuer erweisen.
Wenn jemandes Werk bleiben wird, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen; wenn jemandes Werk verbrennen wird, so wird er Schaden leiden, er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer.

1.Korinther 3, 12-15

Es gibt keinen anderen biblischen Beleg für irgendetwas, das „Fegfeuer“ genannt werden könnte. Deshalb kommt der Jesuit Ladislaus Boros auch ohne diese Lehre aus, wenn er beschreibt, dass im Todesgeschehen eine Begegnung des Menschen mit sich selbst stattfindet, die notwendigerweise auch eine Begegnung mit Gott ist. Und er schlussfolgert:

Gott selbst, die Begegnung mit ihm, ist unser ›Fegfeuer‹.

Ladislaus Boros: Mysterium Mortis, Olten-Freiburg 1962, S. 145

Da könnte etwas dransein…

Irritationen

Ich verlasse hier die klare Struktur der vorigen Beiträge.

Gott würde nicht klein, sondern in seiner Gnade groß gemacht, wenn es ein Fegefeuer gäbe. Selbst Martin Luther, der die Fegfeuer-Lehre bekämpfte, weil sie für den Ablasshandel missbraucht wurde, fand mit der Zeit wieder einen Zugang dazu. Warum? Weil darin die Gnade und Vergebung Gottes und seine Gerechtigkeit zugleich zum Ausdruck kämen. Wenn Jesus über die Sünde, unser gottloses Verhalten, gesiegt hat, wie sollte dann die Sünde am Ende darüber bestimmen dürfen, wer zu Gott kommt und wer nicht? Wenn Jesus den Tod besiegt hat, wie sollte er die Macht haben, uns Menschen „auf ewig“ zu binden? Wenn wir den Auftrag haben, um Gottes Willen zu vergeben, wie sollte es dann Gottes Wille sein, die Menschen sich selbst und ihrer Schuld zu überlassen – für immer?

Und doch ist es klar: Die Bibel kommt ohne Fegfeuer aus. Sie spricht von der souveränen Entscheidung Gottes, vom Verzicht auf sein Recht als Richter. Und zugleich vom Gericht, das durchaus eine „Ewigkeitsperspektive“ hat. Zumindest im Neuen Testament ist das so. Werden wir also doch auferstehen, um uns zu verantworten vor einem Gott, der die einen nach links in die Hölle und die anderen nach rechts in den Himmel schickt?

Moment – das gibt es ja eine noch grundsätzlichere Frage: Werden wir überhaupt auferstehen? Oder ist mit dem Tod einfach alles aus?