Eine Predigt nach einem Tod aus eigener Entscheidung.

Ausgerechnet Anne!* Ausgerechnet die Frau, die dem Leben so zugewandt schien. Die Frau, die gerne Zeit mit Kindern verbracht hat. Die Frau, die ihren Beruf so gern hatte. Die Frau, die ihr Auto liebte, eine gute Freundin sein konnte und so gern in Urlaub fuhr. Ausgerechnet sie hat sich entschieden, dass sie nicht mehr leben kann. Und so hat sie sich für das Sterben entschieden.

Etwas schuldig geblieben?

Viele haben gewusst oder geahnt, dass es ihr nicht gut ging.

  • Einige haben mitbekommen, dass es ihr irgendwie schlecht ging und sie sich behandeln ließ.
  • Einige haben mitbekommen, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte.
  • Einige hätten vielleicht gerne geholfen.
  • Einige haben es probiert.
  • Einige haben gespürt: Ich komme da nicht durch. Ich komme da nicht an.

Da war diese unsichtbare Grenze, dieses Geheimnis.

Und doch – heute haben viele den Eindruck, sie hätten mehr, sie hätten irgendetwas tun sollen, um dieses Ende zu vermeiden.

Schuld. Schuld heißt nicht selten, dass man jemandem etwas schuldig geblieben ist. Und genau dieses Empfinden haben nun – nicht alle, aber einige.

Andere denken, dass jemand anderes etwas hätte tun sollen. Und auch dabei geht es immer um das eine: Irgendjemand muss doch schuld sein, muss Schuld haben.

In ihrem langen Brief an ihre geliebte Mutter hat Anne immer wieder betont, dass es ihre Schuld ist, dass sie nicht mehr weiterweiß, dass niemand anderes Schuld habe.

Auch bei ihr: Schuld. Das Gefühl von Schuld. Das tiefe Empfinden: Ich müsste etwas tun, müsste etwas sein, müsste anders sein, anders handeln.

Alle haben Schuld auf sich geladen

Die Bibel weiß:

Alle Menschen haben Schuld auf sich geladen und bleiben weit hinter dem Anspruch Gottes zurück .

Die Bibel. Das Neue Testament. Brief an die Römer, Kapitel 3, Vers 23

Und in einer Ausnahmesituation wie der Entscheidung von Anne spüren wir vielleicht mehr als sonst je, dass die Bibel hier nicht anklagt, sondern beschreibt.

Das ist keine Anklage, sondern eine schlichte Beschreibung. So ist es. So fühlen wir. So sind wir.

Jede kleine Hilfeleistung, jede Antwort, die wir schuldig geblieben sind, jedes Mal, bei dem wir nicht nachgefragt haben, bekommt plötzlich eine Bedeutung – oder scheint eine Bedeutung zu bekommen. Hätten Sie etwas ändern können? Hätten Sie etwas verhindern können?

Alles getan, was möglich war

Dabei haben die meisten getan, was sie tun konnten. Dabei haben Sie Ihr Möglichstes getan. Und es hat nicht gereicht.

Und auch Anne hat doch alles getan, was ihr möglich war. Die, die ihr nahe waren, wissen das. Sie hat nichts unversucht gelassen. Und ist doch am Leben gescheitert.

„Alle Menschen haben Schuld auf sich geladen und bleiben weit hinter dem Anspruch Gottes zurück.“

Der Satz steht nicht für sich in der Bibel. Ihm folgt der wirklich entscheidende, zweite Satz:

„Doch alle Menschen werden aufgrund seiner gnadenvollen Zuwendung gerecht und freigesprochen durch die Erlösung, die Jesus, der Christus, bewirkt hat.“

Die Bibel. Das Neue Testament. Brief an die Römer, Kapitel 3, Vers 24

Darin steckt ein Geheimnis. Hätte sie es gekannt, es hätte ihr vielleicht das Leben hier ermöglicht. Das Leben „dort“ ermöglicht es ihr ganz sicher.

Trost und Befreiung

„Alle bleiben hinter dem Anspruch Gottes zurück. Und alle werden gerecht und freigesprochen durch die Erlösung, die Jesus bewirkt hat.“

Hinter diesen einfachen Sätzen stecken Trost und Befreiung für alle. Für Anne und für Sie, die Sie vielleicht von diesem Empfinden angesprungen wurden, ob man da nicht doch hätte etwas machen können. Ob es nicht Ihre Aufgabe gewesen wäre, ob Sie vielleicht in der einen oder anderen Situation noch etwas hätten sagen sollen, ob Sie vielleicht noch viel mehr hätten tun sollen…

Schuld und Schuldgefühle loslassen

Ich habe eine Bitte an Sie: Bitte, bitte, bitte! Vergessen Sie es! Lassen Sie es. Bitte hören Sie auf damit.

Wenn es etwas ganz Klares gibt, dann bitten Sie Gott oder einen Menschen um Verzeihung, machen Sie es das nächste Mal anders und vergessen Sie dann Ihre Schuldgefühle.

Und ansonsten: Seien Sie jetzt schon sicher, dass Ihr Schuldempfinden irgendwie immer richtig ist, aber es ist erledigt. Ein für alle Mal. Die Schuldfrage ist ein für alle Mal geklärt.

  • Wir Menschen sind schuldig, weil wir immer etwas schuldig bleiben.
  • Und wir Menschen sind gerecht und freigesprochen – weil Gott das weiß und sich etwas überlegt hat.

Hätte Anne das gespürt, erfahren, mitbekommen, vielleicht hätte ihr das das Leben hier noch ermöglicht. Ganz sicher aber ermöglicht es ihr das Leben – dort, bei Gott.

Das Problem mit der Schuld ist, dass wir sie behalten, obwohl sie ein anderer längst auf sich genommen hat

Auf vielen, vielen Seiten wird die Bibel nicht müde, das zu wiederholen. Das Problem mit der Schuld ist schon lange nicht mehr, dass wir sie haben. Das Problem mit der Schuld ist, dass wir sie behalten! Obwohl sie ein anderer längst getragen hat. Obwohl sie ein anderer längst auf sich genommen hat!

Sie kennen das wahrscheinlich – aus der Kirche, aus dem Religionsunterricht, aus dem Kindergottesdienst, vom Firm- oder vom Konfirmationsunterricht.

Jesus: Ich habe die Schuld auf mich genommen

Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen Sohn Jesus in die Welt geschickt hat.

Die Bibel. Das Neue Testament. Evangelium nach Johannes, Kapitel 3, Vers 16

Die Menschen sollten ihre Schuld loswerden. Und damit sie sehen wie ernst es ihm damit ist, wurde Gottes Sohn, der ohne Schuld war, wie ein Schwerverbrecher hingerichtet. Damals, an diesem Kreuz auf dem Hügel vor der Stadt Jerusalem, hat Gott gesagt: „Es ist vollbracht! Die Schuldfrage ist geklärt. Ich habe alle Schuld auf mich genommen. Du bist frei!“

Und Gott hat gesagt: „Glaube mir das, dann wirst du nicht mehr in der Verurteilung (lateinisch: Verdammnis) stecken bleiben, sondern frei werden.“

Lasst euch nicht wieder in die Ecke stellen

In der Bibel steht:

Den Schuldschein mit allem, was wir schuldig geblieben sind, den hat er unwirksam gemacht und ans Kreuz genagelt. So steht nichts mehr zwischen Gott und uns. Und auch das geschah am Kreuz von Jesus: Die Mächte, die über uns geherrscht haben, die hat er unschädlich gemacht. Deshalb lasst euch jetzt nicht mehr von ihnen in die Ecke stellen!

Aus: Die Bibel. Das Neue Testament. Brief an die Kolosser Kapitel 2, Verse 14-16

Deshalb habe ich gesagt: Bitte, bitte, bitte – vergessen Sie Ihre Schuldgefühle. Lassen Sie die Selbstanklagen.

Die Schuldfrage ist ein für alle Mal geklärt. Gott hat die Schuld auf sich genommen. Und wir sind frei.

Natürlich nicht, um jetzt umso mehr Mist zu bauen. Aber Freiheit führt meist zur Dankbarkeit und Dankbarkeit verhindert das Mist-Bauen.

Schuld festhalten ist gefährlich

Unfreiheit und Schuldgefühle aber führen zu Angst. Angst führt zur Lüge und zur Verborgenheit. Und die führt wieder und wieder zu noch mehr Mist, den wir bauen.

Sie sind befreit. Da war Schuld, da war das Empfinden von Schuld, da waren berechtigte oder unberechtigte Schuldgefühle. Das alles hat am Kreuz von Jesus Platz.

Anne – die hatte Angst. Die hatte Schuldempfinden. Die hatte die tiefe Erkenntnis, dass sie etwas schuldig geblieben war. Sie hat eine Entscheidung getroffen. Ganz allein und erwachsen. Sie konnte nicht mehr leben und so entschied sie sich zu sterben.

Schuld?

Die Schuldfrage ist geklärt. Das weiß sie. Jetzt weiß sie es.

Ich möchte Ihnen gerne beschreiben, was meine Fantasie ist, wie sie auf der anderen Seite angekommen ist.

Daheim bei Gott

Sie war noch sehr verwirrt. Und sie wusste nicht so recht, wo sie nun ankommen würde. Ob es eine Hölle, einen Himmel gibt?

Jedenfalls fühlte sich das, was sie fühlte eher wie Himmel an. Eine weiße Bank stand da – irgendwie stand sie. Sie sah bequem aus, keine Wartebank, kein Armsünderbänkchen und vor allem: Keine Anklagebank.

Und Anne setzte sich, ohne lange zu überlegen, hin.

Die Verwirrung wich und sie war traurig und fühlte sich schuldig. Sie dachte nach: „Ihre Mutter! Ihre Geschwister!“ Ob sie es schon wussten?

„Noch nicht“ sagte da eine sanfte Stimme. Direkt neben ihr saß – sie wusste es sofort – Jesus.

„Dann gibt es ihn also doch!“ dachte sie. Und fast hätte sie Sch… gedacht. Aber das tut man doch nicht, wenn sozusagen Gott neben einem sitzt.

„Ich weiß es ja doch!“, sagte Jesus. „Aber jetzt müssen wir erst einmal etwas gegen deine Schuldgefühle tun.“

Und dann erzählte er ihr in etwa das, was ich eben erzählt habe. Natürlich viel eindringlicher, denn bei ihm kam es ja aus eigener Erfahrung. Er erzählte von dem Zeitpunkt, an dem er mit dem Vater im Himmel entschieden hatte, dass jetzt Schluss sein musste mit der Schuld und mit den Selbstanklagen und mit den Anklagen überhaupt.

Er erzählte vom Kreuz und von der Auferstehung. Er erzählte, wie er selbst erlebt hatte, was Anne gerade erlebt hatte, nämlich dass Gott ihn auferweckt hatte. Sie schauten dann gemeinsam in Annes Leben und Stück um Stück konnte sie ihm ihre Schuld abgeben.

„Weißt du“, sagte Jesus zu ihr, „schon 2500 Jahre vor deiner Geburt habe ich für dich und für alle Menschen ein paar ganz wichtige Sätze in die Bibel schreiben lassen. Mein Freund Jesaja hat sie aufgeschrieben, weil mir das so wichtig war:

„Nie mehr werde ich zornig auf dich sein und nie mehr dir drohen! Berge mögen von ihrer Stelle weichen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir kann durch nichts erschüttert werden und meine Friedenszusage wird niemals hinfällig.‘ – Das sage ich, der Herr, der dich liebt.“

Tränen des Glücks

Da weinte Anne. „Du bist mir nicht böse?“ fragte sie unter Tränen.

Und Jesus sagte: „Ich liebe dich.“ Und da weinte Anne noch mehr. Und es waren Tränen des Glücks.

„Wie meine Mutter und meine Geschwister!“, sagte Anne. Und ihr fielen noch viele ein, die ihr Liebe gezeigt hatten. „Ob du Ihnen das auch sagen kannst, dass die Schuldfrage geklärt ist?“ – Anne fiel ein, dass sie viele Menschen in eine schwierige Situation gebracht hatte.

„Schau mal“, sagte Jesus und öffnete ein Fenster mit Blick auf die Erde: „Das ist das Schöne an der Ewigkeit. Es gibt keine Zeit mehr. Du kannst jetzt schon in deine Trauerfeier hineinschauen. Und: Ja, sie werden es hören. Dass Gott alle Schuld längst vergeben hat. Die Schuldfrage ist geklärt. Die Menschen sind erlöst, befreit. Und deine Familie und alle, die dich geliebt haben, werden es hören.“

Wir verlassen meine Fantasie und kommen wieder hier an.

Sie sind frei von Schuld und frei zum Leben

Seien Sie sicher: Anne ist frei.

Und ich kann Sie nur einladen: Nehmen Sie die Freiheit an. Die Freiheit von Schuld und Schuldgefühlen. „Es ist vollbracht“ hat Jesus am Kreuz gesagt. Es ist erledigt. Die Schuldfrage ist geklärt. Jesus hat die Schuld – er hat sie auf sich geladen und im Meer versenkt.

Ich bin mir sicher: Anne hat das inzwischen gespürt, erfahren, mitbekommen. Auch wenn es ihr das Leben hier nicht mehr ermöglicht. Ganz sicher ermöglicht es ihr das Leben – dort, bei Gott.

Ihnen aber – ermöglicht es das Leben hier.

Wo Schuld war, ist sie vergeben. Wo Schuldgefühle sind, werden Sie befreit.

Amen.

*Der Name ist natürlich ersetzt durch einen anderen Namen. Tatsächlich ist dies eine der wenigen Trauerpredigten, die ich so ähnlich mehrfach gehalten habe. Immer auf die Person zugeschnitten, die gegangen ist. Das versteht sich von selbst. Doch Schuldgefühle plagen so oft die Angehörigen und Freunde! Da braucht es manchmal diese befreiende Zusammenfassung. Wir sind bereits befreit von Schuld!