Ein offener Brief an Mitmenschen, die glauben, gut Auto fahren zu können

Lieber Mitmensch,

heute bist du mir wieder besonders aufgefallen. Du bist Frau oder Mann, sitzt in einem großen oder einem kleinen Auto am Steuer – und meinst, dass du fahren kannst. Und so fährst du auch – du fährst schneller als angezeigt, überholst gern. Du nutzt die Gelbphase, um über die Kreuzung zu kommen. Du blinkst nur, wenn du es für notwendig hältst und schneidest sogar beim Abbiegen im Wohngebiet die Kurve. Du fährst aus der Nebenstraße auch dann, wenn wenig Platz ist zwischen den Fahrzeugen. Warum? Weil du es kannst. Denkst du!

Du bist keine Raserin, kein Raser. Du schaust schließlich in den Rückspiegel, bevor du die Spur wechselst und bei Tempo 120 nimmst du die zweite Hand ans Lenkrad. Du glaubst, dass du es im Griff hast, dass du fahren kannst. Aber du kannst es nicht. Gar nicht. Du fährst schlecht!

Du kennst dich und dein Auto

Ich gehe davon aus, dass du dich und dein Auto kennst. Du weißt, dass du schnell reagieren kannst. Du weißt wie schnell dein Auto beschleunigt und wie es sich in einer Kurve verhält, wann es ausbricht und wie du es wieder einfangen kannst. Ich gehe davon aus, dass du nicht alkoholisiert fährst, sondern einfach schnell von A nach B kommen willst, vielleicht auch das Gefühl genießt, schnell zu fahren und alles im Griff zu haben. Und wärst du ganz allein unterwegs, dann würde durch deinen Fahrstil wahrscheinlich niemandem etwas passieren. Dir nicht und auch nicht anderen. Aber das bist du nicht. Und darum fährst du schlecht.

Kennst du mich und mein Auto?

Weißt du, ich bin da anders. Ich reagiere nicht schnell, das kann ich nicht. Und auch viele Jahre nachdem ich den Führerschein gemacht habe, bin ich immer noch nicht „verwachsen“ mit meinem Fahrzeug. Also fahre ich „defensiv“. Ich bin kein sehr guter Autofahrer. Aber ich bekomme es hin.

Mein Auto hat 90 PS, das ist für ein kleines Auto nicht schlecht. Aber der Kleine ist keine Rakete.

Erfahrung

Ich habe in der Zwischenzeit einige Jahrzehnte Erfahrung im Autofahren. Deshalb erkenne ich früh, ob jemand ohne zu blinken die Spur wechseln wird. Ich merke es, wenn der Verkehr stockt, weil auf einer Spur, weit vorne und noch nicht sichtbar, ein Hindernis steht. Ich erkenne Fahranfänger und Rowdies und stelle mich auf ihre Fahrweise ein.

Und ich kenne dich! Ich sehe dich, wenn du ohne zu bremsen auf den Kreisel zufährst, weil du meinst, noch vor mir hineinzukommen. Kommst du nicht – wenn ich nicht abbremse, wirst du verletzt.

Ich sehe dich im Seitenspiegel wie du zwei Fahrzeuge hinter mir immer wieder nach links driftest, um die Gelegenheit zum Überholen zu finden – an vier Fahrzeugen vorbei, auch wenn du das fünfte Fahrzeug ganz vorne, die Ape vor dem ersten Fahrzeug, gar nicht sehen kannst. Und ich lasse den Abstand vor mir etwas größer werden, damit du einen Platz zum Einscheren hast, wenn dir bei deinem halsbrecherischen Versuch der Gegenverkehr entgegenkommt. Ich habe dir schon manches Mal das Leben gerettet. Und jedes Mal dachtest du, dass es an dir liegt, dass alles gut ging. Weil du ja fahren kannst… Aber du kannst es nicht. Du hattest Glück.

Ich habe dir schon manches Mal das Leben gerettet. Und jedes Mal dachtest du, dass es an dir liegt. Weil du ja fahren kannst… Aber du kannst es nicht. Du hattest Glück.

Manchmal will ich neidisch sein, weil du beim Fahren anscheinend mehr Selbstbewusstsein hast als ich. Aber dann schaue ich dir nach, wenn du mich überholt hast, und sehe, dass du nicht in der Lage bist, die Spur zu halten, wenn du eine Kurve nimmst. Du schneidest sie. Fast immer. Und je schneller du fährst, desto weiter links fährst du. Du denkst, dass du fahren kannst. Aber du kannst es eben nicht.

Du bist nicht allein unterwegs!

Nach meiner Erfahrung sind die meisten Autofahrerinnen und Autofahrer eher so unterwegs wie ich. Und ein paar wenige fahren sehr viel riskanter als du und ich. Wenn du nur von dir ausgehst und nicht mit den Rowdies und Durchschnittsfahrern rechnest, kannst du nicht fahren. Du bist nicht allein unterweg. Deshalb gibt es die Regeln im Straßenverkehr.

Geschwindigkeitsbegrenzungen

Geschwindigkeitsbegrenzungen sind mir nicht immer verständlich. Müssen sie aber auch nicht. Manchmal ergeben sie erst dann Sinn, wenn man Gegenverkehr hat und merkt, wie eng es plötzlich wird und wie weit links viele fahren, wenn sie schneller werden. Straßen sind für eine bestimmte Geschwindigkeit angelegt. Was drüber ist, kann man schaffen, doch man gefährdet sich und andere dabei.

Wärst du ganz allein unterwegs, dann würde durch deinen Fahrstil wahrscheinlich niemandem etwas passieren. Aber das bist du nicht. Und darum fährst du schlecht.

Manchmal macht man sich einfach keine Vorstellung davon, wie laut ein Auto ist. Die ein oder andere Geschwindigkeitsbegrenzung hat einfach nur mit Lärmschutz zu tun. Du bist nicht allein. Das, was neben der Straße ist, hast du meist nicht im Blick. Du denkst zwar, dass du gut fahren kannst, aber…

Blinker setzen: Red‘ mit mir!

Du kannst nicht fahren, wenn du nicht in der Lage bist, die Straße im Blick zu behalten und zugleich mit der linken Hand den Blinker zu bedienen. Bei Richtungsänderungen (ja, auch wenn man auf einer Abbiegespur vor einer Ampel steht). Beim Ausfahren aus dem Kreisel sowieso. Beim Ausfahren vom Parkplatz des Discounters. Blinken heißt: Miteinander reden von Fahrzeug zu Fahrzeug. Ich sehe, was du tun willst und kann mich leichter darauf einstellen. Wer das nicht kann, kann nicht fahren. Du bist nicht allein.

Ach, ich könnte noch weitermachen. Das „zügige Fahren“ bei dem man erwartet, dass jeder die zulässige Höchstgeschwindigkeit anstrebt. Warum? Der Umwelt zuliebe und den eigenen Nerven zuliebe fahre ich gern einmal entspannt mit 80 auf der Landstraße. Bis du kommst! Mit 120 Sachen. Und dann hinter mir tobst, weil du abbremsen musst… Schade. Wo wolltest du hin? Ach, in die Sauna, zum Entspannen… Ist o.k.

Leider ist es wahr. Du kannst nicht fahren, wenn du diese einfachen Dinge nicht beherrschst: Dich an die Regeln halten und damit rechnen, dass weder die anderen noch du alles im Griff haben.

Liebe Grüße, bitte bleib gesund und unverletzt und verletze auch keine anderen!

Dein David Andreas Roth