Manche Kirche ist das einzige „Dach über dem Kopf“, das am Friedhof für Trauerfeiern zur Verfügung stehen könnte. Könnte. Doch es gibt Grenzen. Wer aus der Kirche ausgetreten ist, wer „nur“ einen Redner, aber keinen Pfarrer mitbringt, ist raus… im wahrsten Sinne des Wortes. Raus. Ich verstehe einige der Argumente – und bin dennoch der Meinung: diese Haltung ist falsch, vielleicht sogar unchristlich.

Ich verstehe das…

Es gibt einige Argumente, die immer wieder genannt werden. Ich habe Verständnis für diese Argumente. Teilweise sind sie aus schlechten Erfahrungen gewachsen, teilweise sind sie organisatorischer Natur, teilweise ist es menschlich, so zu denken. Da wäre zum Beispiel:

„Man kann nicht jeden reinlassen“

Das ist verständlich. Manchmal ist es tatsächlich eine schlechte Erfahrung, die in der Kirchengemeinde gemacht wurde. Ein „freier“ Redner hat seine Freiheit benutzt, um gegen „die“ Kirche zu wettern. Es wurden Rituale einer anderen Religion zelebriert oder „Highway to Hell“ gespielt. Das geht nicht. Und deshalb sagt die Gemeinde: Das geht nie mehr. Oder der Pfarrer sagt es.

„Das Haus und das Personal kosten, die Organisation ist aufwändig“

Das ist verständlich. Jemand ist aus der Kirche ausgetreten, also aus dem Solidarverband, hat sich also nicht an den Unterhaltungskosten für das Gebäude beteiligt, weil er es für unnötig hielt. Und jetzt, plöztlich, soll ihm das, was andere finanziert haben, wieder zur Verfügung stehen.

Es entstehen Kosten. Nicht nur für die Instandhaltung, sondern auch für das Personal. Mesnerinnen und Mesner tun sowieso meist viel mehr als in ihrem Vertrag steht. Nun sollen sie also auch noch für „alle“ zur Verfügung stehen. Wer übernimmt die Kosten? Das ist nur eine Teil-Frage. Im Dienste ihrer trauernden Kunden können Bestatterinnen und Bestatter sehr fordernd werden, auf bestimmten Terminen bestehen und damit hat man eine Fremdbestimmung über das eigene Haus. Muss nun jede Trauerfeier angenommen werden, muss man begründen, warum etwas nicht geht? Wird man auf Verständnis treffen oder muss man sich immer wieder herumschlagen mit Menschen, die etwas für selbstverständlich halten, das doch nicht selbstverständlich ist.

Selber schuld!

Es gibt Kirchengemeinden, in denen wird man bei Kirchenaustritt als erstes darüber informiert, dass eine kirchliche Bestattung nun ausgeschlossen ist. Soll also niemand sagen, er hätte es nicht gewusst…

Und überhaupt, es gibt ja Alternativen, getreu dem Spruch:

Wer den Wald als seine Kirche sieht, der soll sich auch vom Oberförster begraben lassen.

Tatsächlich kann „man“ in Friedwald oder Ruheforst ausweichen, man kann auch einfach den Unterstand oder die Flächen auf dem Friedhof nutzen. Man ist ja selber schuld…

Ich verstehe …und ich halte es für falsch!

Was würde Jesus tun?

Keiner der Pfarrerinnen und Pfarrer hat mir bisher gesagt, dass Jesus auch so handeln würde wie sie.

In keinem Kirchengemeinderat steht im Beschluss zur Nutzungsordnung:

In der Überzeugung, damit dem Vorbild von Jesus zu folgen, wollen wir weder Kirchenfernen, Agnostikern und Atheisten, noch den trauernden Angehörigen die Möglichkeit geben, vor Wind und Wetter geschützt in unserer Kirche würdig Abschied zu nehmen.

Ich weiß, dass manche sich jetzt wehren, weil das ein „Totschlagargument“ ist. Ich kann nur sagen „Stimmt.“ Ich weiß nicht, was man dagegensetzen will!

Gelebte Barmherzigkeit

Es gibt die oben beschriebenen Situationen: Fordernde Bestattungsinstitute und Anverwandte, die meinen, sie könnten sich auf ein Recht berufen. Und es gibt auch Rednerinnen und Redner, die nicht einschätzen können, dass in der Kirche andere „Spielregeln“ gelten als in der Feierhalle. Doch dem kann man begegnen, wenn man sich von der Barmherzigkeit leiten lässt.

Aus meiner Sicht sollte Kirche das tun, was Kirche in Gottes Namen tut: Nah bei den Menschen sein. Sie kann und wird dabei Regeln vorgeben. Sie kann und sie wird dabei Grenzen setzen. Doch sie wird nicht zulassen, dass die Tränen von Menschen bei Schneegestöber und Eiseskälte auf den Wangen gefrieren, wenn es wenige Meter entfernt einen Ort gäbe, an dem sie Schutz finden könnten.

Chance

Nein, jetzt kommt nicht der Hinweis darauf, dass das auch eine missionarische Chance ist. Obwohl mir das sehr wichtig wäre. Doch das hieße, die Notsituation von anderen auszunutzen. Das steht uns Christinnen und Christen nicht an.

Doch die Türen aufzumachen, vielleicht sogar persönlich da zu sein und im Namen der Kirchengemeinde zu kondolieren (so viele Kirchengemeinderäte sind im Rentenalter!), zur kirchlichen Trauergruppe einzuladen oder zur Seelsorge – das wäre ein Chance. Die Chance, christlich zu handeln.

In vielen Kirchen, die die einzigen „Hallen“ am Friedhof sind, ist das längst erkannt und wird gelebt.

Dieser Beitrag liegt mir sehr am Herzen und darf gern geteilt, nachgedruckt und verteilt werden. Bitte einfach mit einem Hinweis auf diesen Blog und die Angabe des Autors (c) David Andreas Roth.