Manchmal muss die Kraft einfach nur für heute reichen. Das ist genug. Ein Abendgedanke am 11. August 2020 auf SWR4.

Einfach einen Tag nach dem anderen – anders geht es oft nicht, wenn man seine Lieben im Alter oder in einer schweren Krankheit pflegt. Das verdient Respekt. Michaela zum Beispiel hat ihre Mutter gepflegt, viele Monate. Am Ende ging es sehr schnell, ein Schlaganfall, zwei Tage noch im Krankenhaus, wo sie dann verstorben ist.


Harald hat zwei Jahre lang seinen Mann gepflegt und der hat deshalb daheim sterben können, so wie er sich das immer gewünscht hat. Und genauso wollte Leonie ihrer Mutter ermöglichen, bis zum Schluss in dem Haus zu bleiben, in dem sie schon geboren wurde. Das hat leider nicht geklappt. Leonie hat irgendwann selbst nur noch 45 Kilo gewogen. Tag für Tag hat sie weitergemacht bis zu dem Tag, an dem sie die vielleicht schwerste Entscheidung ihres Lebens getroffen hat: Dass es nicht mehr geht. Es musste in einem Pflegeheim weitergehen.


Ich glaube, genau diese Art zu leben, die in der Pflege von Angehörigen so oft vorkommt, hat Jesus gemeint als er gesagt hat: „Quält euch nicht mit Gedanken an morgen; der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last hat.“


Menschen wie Michaela, Harald und Leonie sind aus ihrer eigenen Sicht keine Helden, sondern einfach Menschen, die wie Menschen handeln. Für sie ist es Liebe, für sie ist es Verantwortungsbewusstsein. Jeden Tag neu. Oft haben sie sogar den Eindruck, dass sie zu wenig tun. Denn es stimmt: die Kraft reicht nur, um einen Tag nach dem anderen zu leben. Am Ende des Tages ist ganz schlicht „die Luft raus“. Jesus sagt: „Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last hat.“


Manchmal geht es nicht mehr. Niemand kann mehr geben als das, was er hat. Ich habe großen Respekt für die, die eines Tages erkennen, dass die Aufgabe für den heutigen Tag das Aufgeben ist.
Leonie hat das erkannt und sie hat wieder Kraft gewonnen, um für ihre Mutter da zu sein. Sie hat sie täglich im Pflegeheim besucht – und nachts konnte sie endlich wieder durchschlafen.


Der Übergang war sehr schwer für beide. Erst mit der Zeit ist wieder Frieden eingekehrt. Auch da musste Leonie von Tag zu Tag leben. Doch das genügt. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last hat.

Dieser Beitrag wurde am 11. August 2020 als Abendgedanke auf SWR4 gesendet. Verwendung – auch in Auszügen – nur nach vorheriger Freigabe durch den Autor (c) David Andreas Roth.