Tausend Kilometer

*Namen und einige Informationen zum Umfeld sind geändert, um die realen Personen zu schützen.

Es gibt Geschichten, die vergisst man nicht. So wie die eintausend Kilometer von Arthur*. Im Alter von 10 Jahren ist er unter Lebensgefahr 1000 Kilometer zu Fuß gegangen und hat dabei einen schweren Leiterwagen hinter sich hergezogen: Eine unglaubliche Anstrengung, die das Leben von sehr vielen anderen Menschen positiv verändert hat.

Arthur ist 1935 geboren. Seine Familie kam ursprünglich von der Alb bei Münsingen, lebte aber zum Kriegsende am Südrand Stuttgarts.

1945 war der Krieg endlich vorbei und in Stuttgart zogen die Besatzer ein. Es war eine Frage der Zeit, wann das hübsche Haus, in dem Arthurs Familie lebte, mit Soldaten gefüllt würde. In der Nachbarschaft war das schon geschehen und sie hatten gesehen, wie die Bewohner nur mit einem Köfferchen in andere Häuser umziehen mussten. Alles andere hatten sie zurücklassen müssen. Es war verloren.

So entstand der wahnwitzige Plan, die eigenen Siebensachen „nach Hause“, also auf die Alb, zu bringen. Unauffällig. In kleinen Portionen sozusagen: Die Wertgegenstände, das Werkzeug, die Familienerinnerungen, kleine Möbel auch.

Doch wer sollte das tun? Der zehnjährige Arthur war bereit, es zu probieren: die Strecke von Stuttgart auf die Alb mit einem Leiterwagen. Allein. 50 Kilometer waren das. Er war den Weg während des Krieges schon gegangen, um auf der Alb Lebensmittel zu ergattern.

Arthur ging in der Dämmerung und nachts, er ging auf Feldwegen und durch Waldstücke und den steilen Albtrauf hinauf mit seiner schweren, wertvollen Last, unter Lebensgefahr, weil es über die Grenze zwischen amerikanischer und französischer Zone ging.

Das erste Mal ging es gut. Und so probierte er es ein zweites Mal. Und alles, was einen Wert hatte, hat er hinaufgeschafft. Zehn Mal war er am Ende unterwegs, insgesamt eintausend Kilometer. Was hat ihn angetrieben? Er selbst hat gesagt, er habe gespürt, dass das jetzt seine Gelegenheit ist, um für alle etwas Gutes zu tun. Und er hat sie genutzt.

In der Familie wird diese Geschichte auch 75 Jahre später noch voller Ehrfurcht erzählt. Der Hausstand und die Werkzeuge, die er auf die Alb hinaufgeschafft hat, die waren der Grundstock dafür, dass die Familie nach dem Krieg einen Neuanfang machen konnte.

Einer meiner Lieblingssätze der Bibel heißt: „Wenn sich dir die Gelegenheit bietet, etwas zu tun, dann tu es mit vollem Einsatz“ (Prediger / Kohelet 9,10).

Ich glaube nicht, dass Arthur jemals etwas von diesem Satz gehört hat. Aber er hat schon mit 10 Jahren so gelebt und Erstaunliches geleistet. Das hat sich dann durch sein Leben fortgesetzt und für mich ist er ein Ansporn auch in schwierigen Zeiten die Gelegenheiten zu suchen, um für alle etwas Gutes zu tun – und dann: mit vollem Einsatz los!

Dieser Text wurde am 15. Mai 2020 aus SWR1 (Anstöße) und SWR4 (Morgengedanken) gesendet. Verwendung – auch in Auszügen – nur nach vorheriger Freigabe durch den Autor (c) David Andreas Roth

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