Alles hat seine Zeit

Nichts, was uns schrecklich erscheint, dauert für immer. Es hat seine Zeit. Es ist begrenzt. Es hört irgendwann auf. Und dann kann etwas Neues beginnen.

*Namen und einige Informationen zum Umfeld sind geändert, um die realen Personen zu schützen.

Im Wohnzimmer von Elke* hängt zwischen vielen kleinen und großen hochwertigen Kunstdrucken auch ein gerahmtes Bibelwort. „Alles hat seine von Gott bestimmte Zeit“ kann man da lesen (Prediger 3,1). Es ist der einzige Spruch, den die Frau, die 1935 geboren ist, sich aufgehängt hat. Er hat ihr Leben zum Guten gewendet.

Als Elke vier Jahre alt ist, beginnt der Weltkrieg. Ihre Heimat ist Oberschlesien, von Anfang an tobt also der Krieg in direkter Nähe. Und jedes Jahr wird ihre Familie kleiner, stirbt jemand in diesem Krieg. Der Vater wird schon zu Kriegsbeginn eingezogen. Elke weiß nur noch, dass sie sich überhaupt nicht mehr an ihn erinnern konnte. Sie erlebt auch die Flucht ohne ihn in diesem schrecklichen, kalten Winter. Ihre Mutter, ihre Oma, die Tante und die Cousine machen sich auf. Sie werden von Tieffliegern beschossen, graben sich im Schnee ein. In den Nächten müssen die Frauen Schreckliches erlebt haben.

An all diesen fürchterlichen Erlebnissen ist Elke nicht zerbrochen. Sie hatte entdeckt: Alles hat seine von Gott bestimmte Zeit. So hat sie ihre Art gefunden, nicht verrückt zu werden mit all den Bildern und Erfahrungen.

Gott setzt dem Schrecklichen eine Grenze. Darauf hat sie vertraut. Und so hat auch sie eine Grenze gesetzt: Auf der einen Seite die Vergangenheit. Auf der anderen Seite die Gegenwart. Und die wird anders. Man darf nicht zu sehr am Alten hängen. Man muss es loslassen, abhaken, beerdigen, vielleicht abtrauern. Und dann weiterleben in dem Leben, das jetzt stattfindet.

Und tatsächlich. Sie findet einen Mann, der wie sie die Idee hat, sich mit Schönem zu umgeben. Sie wollen gemeinsam dieses Schöne suchen und Schönes verkaufen, Dinge, mit denen Wohnungen wohnlicher werden. Und beide sind mutig genug, das zu beginnen und dafür hart zu arbeiten. Sie haben Leidenschaft und sie haben Erfolg. Elke lebt, denn sie lebt in der Gegenwart. Wenn es wieder einmal schwierig wird weiß sie: Alles hat seine Zeit. Gott setzt dem Schrecklichen eine Grenze.

Nichts, was uns schrecklich erscheint, dauert für immer. Es hat seine Zeit. Es ist begrenzt. Das gilt auch im Jahr 2020. Es hört wieder auf. Und dann kann etwas Neues beginnen. Alles hat seine Zeit.

Dieser Text wurde am 14. Mai 2020 auf SWR1 (Anstöße) und SWR4 (Morgengedanke) gesendet. Verwendung – auch in Auszügen – nur nach vorheriger Freigabe durch den Autor (c) David Andreas Roth

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