Achtet einander!

Wieviel Achtung bringen wir denen entgegen, die in Positionen mit besonderer Verantwortung sind? Wieviel Macht geben wir denen, die verantwortungs-los sind?

Vor Kurzem war ich beteiligt an einem Gespräch über einen Menschen, der in einer besondere Verantwortungsposition ist. Er verdient gut in dieser Position und er ist bekannt dafür, dass er umsichtig, menschennah und vermittelnd arbeitet. Er hängt seine Macht nicht ins Schaufenster und lässt sich auch auf längere Wege ein, wenn das der Akzeptanz und den gemeinsamen Zielen dient. Er ist grundehrlich, was schwieriger wird, je höher man steigt in der Verantwortung. Das ist nicht so, weil man dann bestechlich würde, sondern weil man einfach mehr weiß als andere und dieses Wissen nur dosiert weitergeben darf, weil sonst zwischenmenschliche oder wirtschaftliche Katastrophen passieren.

Wenn man an Verkaufsverhandlungen denkt, ist das wohl für die meisten nachvollziehbar. Wenn zu früh Details an die Öffentlichkeit kommen, wird in der Regel die Verhandlungsposition von wenigstens einem der Verhandelnden geschwächt.

Wie gesagt, ich war beteiligt an einem Gespräch über diesen Menschen, der ganz offensichtlich Werte hat und Werte lebt. Integrität nennt man das. Im Gespräch ging es darum, dass genau diese Integrität von anderen grundlos in Frage gestellt wird. Sie hätten gern selbst etwas von seiner Macht, allerdings ohne seine Verantwortung und Arbeitsbelastung mit zu übernehmen. Ob bewusst oder unbewusst – indem sie nun sein Ansehen schädigen, nehmen sie ihm etwas von seiner Macht und haben – zumindest gefühlt – selbst mehr davon.

Jemand aus der Runde sagte: „Das muss er aushalten. Dafür wird er bezahlt!“ Ich dachte: „Da stimmt etwas nicht“, habe aber erst später für mich formulieren können:

Niemand wird dafür bezahlt, dass seine Integrität ohne Grund angezweifelt wird.

Ich habe diesen Beitrag zu schreiben begonnen, lange bevor Menschen angefangen haben, die Integrität von politischen Mandatsträgern in der Corona-Krise infrage gestellt wurde. Man darf über Entscheidungen derer, die die Verantwortung von uns übertragen bekommen haben, gern hinterfragen. Das gehört zur Demokratie und das hält die Demokratie auch gut aus. Sich diesen Fragen zu stellen und Entscheidungen nachvollziehbar zu machen, das ist etwas, das zum Auftrag derer dazugehört, die wir gewählt haben.

Was zur Existenz von Entscheidungsträgern nicht dazugehört und nicht dazugehören darf, das ist, dass ihre Integrität von vornherein, vorverurteilend („die Politiker“, „die Manager“) in Abrede gestellt wird. Nachfragen – ja. Kontrolle – systematisch. Vorverurteilung und üble Nachrede – nie.

Ich erlebe Vorverurteilung, üble Nachrede, grundsätzliches Misstrauen und Entmenschlichung von denen, die für andere Aufgaben übernehmen und das Ganze im Blick haben sollen, leider in so vielen Bezügen. Das gibt es in christlichen Gemeinden, in Vereinen, in der Lokalpolitik genauso wie in der Landes-, Bundes- oder Europapolitik. Das ist so in Verbänden und sogar in Selbsthilfegruppen. Man spricht jemandem – durch Wahl oder Berufung – das Vertrauen aus: Du sollst im Rahmen deines Auftrages und im Sinn deiner Berufung Entscheidungen treffen! Wehe, wenn das dann tatsächlich geschieht… Irgendeiner fängt an, die anderen – schweigen, widersprechen nicht, oder ergehen sich in allgemeinen Bemerkungen, die zumindest nicht als Widerspruch verstanden werden. Manche machen mit, übertragen vielleicht ihre Wut, die an anderen Stellen gewachsen ist.

Daraus werden manches Mal ganze Lawinen, die heute gern „Shitstorm“ genannt werden.

Rufmord hat man das früher genannt, denn es ist tatsächlich Mord – ein Mensch wird ums Leben gebracht, um das Leben, das er wirklich lebt.

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, der mir sehr wichtig erscheint. So oft sind die, die besonders laut werden auch die, die für sich nur eine Rolle wirklich kennen: Die Verantwortungslosigkeit. Sie werden nicht gewählt oder lassen sich nicht wählen (und dann ihre Entscheidungen infragestellen, überprüfen, kontrollieren). Sie treffen keine Entscheidungen.

Sie bekommen viel Macht – ohne Verantwortung. Sie bestimmen die Themen – ohne von anderen in einem ordentlichen Prozess bestätigt zu sein.

Wieviel Achtung bringen wir denen entgegen, die in Positionen mit besonderer Verantwortung sind? Wieviel Macht geben wir denen, die verantwortungslos sind?

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