unGLAUBE?

Die Jahreslosung 2020 führt mitten hinein in das Feld von Glaube, Zweifel, Selbstzweifel, Unglaube und: Nächstenliebe. Im ohnmächtigen Versuch, einem anderen zur Seite zu stehen, wird der Glaube vielleicht am meisten herausgefordert. Eine Predigt zum Jahresanfang.

Lesezeit: mindestens 20 Minuten

Ich glaube – hilf meinem Unglauben

Markus 9,24 – Jahreslosung 2020

Das ganze Kapitel 9 des Markusevangeliums ist eine einzige Berg- und Talfahrt des Glaubens. Da ist Jesus, da sind seine Jünger, die von ihm Vollmacht bekommen haben, das zu tun, was er auch tut. Da sind die drei, die mit ihm auf einen Berg gehen, fast eine Woche lang und dort mystische Erfahrungen machen. Sie sehen Elia und Mose, hören die Stimme Gottes in nie gekannter Klarheit. Gott sagt: Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören!

Diese drei können mit Jesus nicht nur über seinen Tod, sondern vor allem über die Auferstehung sprechen. Und dann kommen sie wieder unten an und das ist dann auch „unten“.

Mitten hinein in einen Streit zwischen den Jüngern, die nicht mit auf dem Berg waren, und einigen Schriftgelehrten, also in der jüdischen Tradition sehr gut unterrichteten Menschen, kommen sie! Es geht darum, dass die Jünger versagt haben, während Jesus mit den anderen Jüngern in geistlichen Höhen unterwegs war.

In diesen Tagen ist in Augsburg die „MEHR“-Konferenz. 12.000 Menschen sind dort jetzt gerade. In Stuttgart ist die Jugendmissionskonferenz, 5000 Menschen werden dort erwartet. Über 10.000 Menschen sind auf dem Leitungskongress von Willow Creek Ende Februar in Karlsruhe und 15 Übertragungsorten in Deutschland sein. Während dort geistliche Höhenflüge erlebt werden, während die Menschen in Anbetung und Konzentration auf Gott gestärkt werden, findet andernorts das ganz normale, angefochtene Leben statt.

Nichts Neues. Die Jünger haben damals genau das erlebt. Und dann kommen die, die auf der Konferenz in himmlischen Höhen, auf den Bergen des Glaubens waren, zurück – und haben für alle gute Tipps…

Doch so ist es nicht. Jesus fragt nach: Was ist hier los? Er hat nicht gleich Tipps, er fragt, was los ist, und es beginnt etwas, das uns tief in eine Wahrheit des Glaubens hineinführt, die der katholische Theologe Karl Rahner einmal so ausgedrückt hat:

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.

Karl Rahner

Ich hole deshalb so weit aus, weil Markus es in seinem Evangelium so macht. Und weil ich den „erbaulichen“ Teil bereits am Neujahrstag gepredigt habe, nehme ich die Gelegenheit wahr und gehe etwas tiefer. Denn es werden nun zwei Geschichten erzählt. Die eine ist die Geschichte eines verzweifelten Vaters, der nicht lockerlässt. Und die andere ist die Geschichte der Jünger, die voller Vertrauen, voller Glauben, helfen wollen. Und dabei scheitern.

Der verzweifelte Vater

Schauen wir uns zuerst den verzweifelten Vater an. Warum? Weil Jesus das auch zuerst tut. Die Jahreslosung hat – so losgelöst sie dasteht – eine Gefahr in sich: Sie suggeriert, dass es um „meinen Glauben“ geht, dass es darum geht, ob ich stark bin, fest, immer überzeugt und voller Hoffnung.

Aber:

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes aushalten.

Und glauben bedeutet in dieser Episode aus dem Leben der Jünger mit Jesus, dass sie sich mit ihrem Glauben für jemand anderen einsetzen. Die großen Erlebnisse des Glaubens mögen aus der Stille und aus dem Gebet, aus der Zweisamkeit mit Gott kommen. Doch sie ereignen sich nicht dort, sondern da, wo der Glaube zur Tat der Liebe wird, zur Barmherzigkeit.

Es zählt der vertrauende Glaube, der sich in tätiger Liebe zeigt.

Galater 5,6

Hintergrund des Streitgespräches zwischen den Schriftgelehrten und den Jüngern ist, dass sie jemandem nicht helfen konnten. Dieser Vater ist zu ihnen gekommen, weil auch er nicht für sich selbst, sondern für einen anderen, für seinen Sohn nämlich, geglaubt hat.

Alles hat er durch, nun kommt er zu den Jüngern. Anscheinend können die ja auch was. Jesus ist nicht vor Ort, doch sie trauen es sich zu, beten für den Jungen, der von einem bösen Geist besessen ist.

Sie beten – und nichts passiert. Der Junge hat dieselben Probleme wie zuvor. Und die Schriftgelehrten haben einen Grund, den Jüngern vorzuwerfen, sie würden hier irgendwelchen Hirngespinsten nachgehen, einem Irrglauben, dass man so jemanden heilen könne!

Jesus fragt nach. Die Jünger sagen ihm, dass sie gescheitert sind. Und er? Er hält sich nicht damit auf, sondern fragt den Vater, warum er gekommen ist. Und der wiederholt – wie oft hat er das wohl schon erzählt? – dass sein Sohn von einem bösen Geist heimgesucht wird.

So ist die Diagnose – immer wieder hat der Junge Anfälle, wälzt sich dann, hat Schaum vor dem Mund. Er hat keine Kontrolle mehr über sich, ist bei seinen Anfällen auch schon in offenes Feuer oder ins Wasser gestürzt, als würde er dorthin gezerrt. Auch jetzt, als der Geist Jesus sieht, geht es wieder los. Und der Mann, der Vater, er hat doch auf Jesus gesetzt, hat ihm vertraut, in Form seiner Anhänger, hat ihnen seinen Sohn anvertraut.

Und Jesus bleibt bei ihm, hört zu, fragt nach: Wie lange hat er das schon? Der Vater erklärt: Von klein auf schon!

„Hab doch Erbarmen mit uns und hilf uns, wenn du kannst!“, so sagt der Vater. „Wer auf Gott vertraut, dem ist alles möglich“,

„Wer auf Gott vertraut, kann alles!“

– das ist die Antwort von Jesus. Im Ernst! Und er provoziert damit den Satz, der unsere Jahreslosung 2020 geworden ist:

Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!

Was macht der Vater denn die ganze Zeit? Er hat doch vertraut, er hat doch geglaubt, er hat doch alles, wirklich alles probiert. Er hat seinen Jungen nicht aufgegeben, er hat ihn hierher gebracht!

Das ist das, was am schwersten auszuhalten ist: Wenn es nicht um uns selbst geht, wenn wir nicht für uns selbst, wenn wir für einen anderen, einen geliebten Menschen hoffen, beten, kämpfen. Wenn wir in die Kirche gehen, in Gottesdienste, in Gebetsversammlungen und Hauskreise, auf Konferenzen und Tagungen, wenn wir täglich beten für jemanden – und wir spüren nichts als Ohnmacht.

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes aushalten.

Der Vater glaubt doch! Und gleichzeitig kann er ja nicht so tun, als wäre da kein Zweifel, als wäre da nicht die Frage, warum bis jetzt immer noch nichts geschehen ist, nichts besser geworden ist. Das ist nicht die theoretische Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Es geht auch nicht darum, warum Gott den Krieg in Afghanistan nicht beendet. Das sind Gedankenspielchen und oftmals arrogante, weltfremde und sogar zynische Spielchen. Überheblichkeit, die davon ausgeht, dass man selbst Gott überlegen ist und ihm sagen könnte, was er zu tun hat.

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.

Der Vater leidet! Er ist ohnmächtig, abhängig, fragt sich, wie sein Glaube noch stärker sein könnte, wie er fester sein könnte und ob er dann nicht mehr ohnmächtig, sondern mächtig wäre, ob er dann also etwas „kann“. „Wer Gott vertraut kann alles“, so war das doch!

Aber bevor noch der Selbstzweifel, denn um den geht es hier viel stärker als um den Gotteszweifel, bevor noch der Selbstzweifel obsiegt, greift Jesus ein. Er zeigt, dass genau das der Glaube ist, der die eigene Situation so realistisch einschätzt. Nicht die Glaubensstärke, sondern das Aushalten im Vertrauen führt zum Handeln von Jesus.

Der handelt nun schnell – es kommen immer mehr Menschen zusammen. Wer sich darüber wundert, wenn er die Geschichte liest: Das ist so ein „Markus-Ding“. Im Markusevangelium wird immer wieder betont, dass Jesus nicht zu viel Aufhebens um seine Person und um die Wunder machen möchte.

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes aushalten.

Er handelt nun also schnell. Es wird noch einmal sehr dramatisch. Der Junge bäumt sich in einem letzten Anfall auf, zuckt, bleibt dann liegen und einige vermuten sofort, dass er jetzt gestorben ist. Doch Jesus nimmt seine Hand und hilft ihm auf die Beine. Es ist geschafft, er ist befreit, geheilt.

Die Jünger

Die Jünger haben den Satz von Jesus auch gehört:

Wer Gott vertraut, kann alles.

Sie konnten es nicht. Und das nagt an ihren Seelen, an ihrem Selbstverständnis. Sie glauben doch! Sie haben für Jesus ihr ganzes Leben umgekrempelt. Sie haben mit ihm und in seinem Auftrag schon so erstaunliche Dinge getan, ja, auch Geister ausgetrieben und Krankheiten geheilt!

Das ganze Erlebnis lässt auch sie an ihrem Glauben, an sich zweifeln.

„Warum konnten wir den bösen Geist nicht austreiben?“ – so fragen sie sich. Und so entsteht ein schlechter Zweifel. Wenn wir uns fragen. Wenn wir in uns fragen. Wenn wir den Grund und die Antworten in uns suchen.

Die Jünger machen es besser. Sie sprechen mit Jesus. Als sie wieder im Haus sind, daheim, in Ruhe, mit ihm allein sind, da fragen sie ihn.

Wisst ihr, wie man das nennt, wenn man mit Jesus spricht? Man nennt es „Beten“. Sie sprechen mit Jesus und sie fragen: „Warum konnten wir den bösen Geist nicht austreiben?“ Das ist ein guter Zweifel.

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes aushalten.

Aber es bedeutet nicht, mit dieser Unbegreiflichkeit allein zu sein. Ob wir uns selbst in Zweifel ziehen, ob wir Gottes Liebe in Zweifel ziehen, ob wir in Zweifel gezogen werden von denen, die uns argwöhnisch beäugen oder ob wir in Zweifeln untergehen, verzweifeln, weil es einfach denen so schlecht geht, denen wir das Beste wünschen: Wir sind nicht allein damit.

Jesus hat eine erstaunliche Antwort für die Jünger: „Nur durch Gebet können solche Geister ausgetrieben werden“. Was ist das für eine Antwort?

Es bedeutet: Auch beim nächsten Mal werden sie es nicht „können“. Woher sollen sie je wissen, ob es „solche Geister“ sind oder andere? Wie sollen sie erkennen, was zu tun ist?

Nur, indem sie mit Jesus in Kontakt bleiben. Das ist die Geschichte von uns Jüngerinnen und Jüngern, von denen, die Jesus nachfolgen und glauben, vertrauen. Wir vertrauen darauf, dass Jesus uns losgeschickt hat, dass er uns einen Auftrag gegeben hat, dass er uns Menschen gezeigt hat, die wir lieben und mit denen wir mitleiden, für die wir da sind.

Mitten hinein in die Ohnmacht also hat Gott uns geschickt. Und mitten in dem, was wir im Alltag des Glaubens erleben, sagt er uns: Es ist O.K., wenn du an dir selbst und deiner Glaubensstärke zweifelst. Es ist O.K., wenn du auch an meiner Kraft zweifelst. Es ist normal, wenn du die Ohnmacht spürst.

Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.

Aber es bedeutet auch, dass du darin nicht allein bist. Was macht der verzweifelte Vater? Er betet. Ich glaube – ganz selbstbewusst. Hilf meinem Unglauben – ganz realistisch.

Was machen die Jünger? Sie beten. Warum haben wir es nicht können? Und sie bekommen die Antwort: Bleibt mit mir im Kontakt, betet. Anders geht es gar nicht.

Vertraut – mitten im Unglauben. Seid ruhig ein bisschen ungläubig – mitten im Glauben und Hoffen für andere. Hört nur nicht auf, mit mir zu reden. Dieser böse Geist lässt sich nur durch Beten austreiben. Welchen Geist wohl damit gemeint hat? Vielleicht ja den Geist der Allmachtsphantasien und den Geist des Selbstzweifels. Das könnte sein. Der lässt sich nur durch den Kontakt zu Jesus vertreiben.

Amen.

(c) David Andreas Roth, Wiedergabe – auch in Auszügen – nur nach Freigabe durch den Autor.

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